Selbst jetzt noch wurde Matthew heiß und kalt bei dem Gedanken. Er hätte dem Mistkerl den Hals umdrehen sollen, gleich auf der Stelle, bevor Markby aufgetaucht war und sich eingemischt hatte.
Verdammter Markby! Er hatte mehr Mitgefühl für den Jungen gezeigt als für Matthew, den Vater des toten Mädchens! Matthew bog in die Auffahrt. Es war fast dunkel. Mulchings hatte die Schweine wahrscheinlich längst für die Nacht in ihre Ställe gebracht, also brauchte Matthew nicht aufzupassen. Er trat das Gaspedal durch und musste fast augenblicklich heftig bremsen. Der Wagen schlingerte stark, kam vom Weg ab, holperte über das Gras und blieb schließlich stehen. Er stieß die Tür auf.
»Prue! Was zur Hölle …?« Prue rannte mit wedelnden Armen herbei.
»Adeline läuft im Park herum, Matthew! Mutchings sucht nach ihr! Ich dachte, sie würde schlafen, und habe mich selbst ein wenig hingelegt. Gott sei Dank bin ich aufgewacht und hab nachgesehen, wie es ihr geht. Ich musste einen Krankenwagen rufen!« Matthews Herz drohte auszusetzen.
»Warum?«, krächzte er.
»Was ist mit ihr?«
»Nicht mit ihr. Mit Maria! Sie hat Maria angegriffen!«
Es dauerte eine Stunde, um Adeline in der Dunkelheit zu finden. Sie suchten den Park mit Taschenlampen ab und riefen verzweifelt den Namen der verschwundenen Frau. Matthew stand kurz davor, die Polizei anzurufen, als sie Adeline endlich fanden, zitternd vor Kälte und geduckt unter den Büschen bei der Mauer, die den Rest des Parks vom Mausoleum trennte.
»Ausgerechnet dort!«, sagte er müde zu Prue.
Wenigstens sträubte sie sich nicht dagegen, dass man sie wegbrachte. Sie ließ sich von Prue ohne Widerstand ins Haus führen. Matthew rief Dr. Barnes, und er gab Adeline ein Sedativum. Anschließend unterhielt er sich leise und eindringlich mit Matthew im Salon.
»Die Zeit ist reif, sie in ein Sanatorium einzuliefern«, sagte der Doktor mitfühlend, doch entschieden.
»Sie verdrängt Katies Tod. Sie ist verwirrt und benebelt von all den Medikamenten, und ich kann sie nicht ständig ruhig stellen. Sobald sich ihr Kopf klärt, wird sie sich erinnern, was mit Katie geschehen ist, und ich weiß nicht, was sie dann tun wird. Sie könnte sich selbst Schaden zufügen, Matthew. Oder wenn schon nicht sich selbst, dann jemand anderem.«
Sie hatten Barnes nichts von Maria erzählt, nur, dass Adeline in die Nacht hinausgelaufen war und sich im Park versteckt hatte. Doch das unkontrollierte Zucken in Matthews Gesicht konnte dem Doktor durchaus verraten, dass seine Befürchtungen bereits Wirklichkeit geworden waren. Falls er es herausfand, würde er darauf bestehen, Adeline in ein Sanatorium einweisen zu lassen, gleich hier und jetzt. War es nicht das, was Matthew immer gewollt hatte? Und doch, jetzt, wo der Augenblick gekommen war, verspürte er nur blankes Entsetzen.
Doch der Arzt war zu sehr mit seiner eigenen Argumentation beschäftigt, um Matthews Unruhe zu bemerken.
»Ich kenne eine sehr gute Privatklinik. Sie ist komfortabel, diskret und extrem erfolgreich, was Nervenleiden angeht. Vielleicht, nach einem oder zwei Monaten dort …«
»Später«, sprudelte Matthew heraus.
»Nicht jetzt. Ich kann jetzt nicht darüber reden. Wir werden uns um sie kümmern, Prue und ich!« Erst als der Arzt endlich gegangen war, konnte sich Matthew in den Wagen setzen und zu dem kleinen Hospital fahren, um zu sehen, wie es Maria ging. Er betete, dass sie nicht ernsthaft verletzt worden war und dass sie die Geschichte nicht in ganz Bamford hinausposaunte. Zu seiner großen Erleichterung war sie glimpflich davongekommen. Matthew fand sie im Wartezimmer der Notfallambulanz, wo sie, mit einem großen Pflaster an der Schläfe, saß und vor Wut schäumte.
»Wo zur Hölle hast du gesteckt, Matthew? Ich warte seit Stunden auf dich! Sie wollten mich über Nacht dabehalten, für den Fall, dass ich eine Gehirnerschütterung davongetragen habe! Hier bleiben? Die ganze Nacht? Nie im Leben, habe ich ihnen gesagt! Also haben sie mir ein Pflaster aufgeklebt und mich hierhin gesetzt. Mein Schädel brummt fürchterlich! Alle starren mich an! Ich habe versucht, Park House anzurufen, aber niemand geht ans Telefon! Deine Frau ist vollkommen durchgeknallt …«
»Pssst!« Er bemühte sich verzweifelt, sie zum Schweigen zu bringen.
»Nicht hier! Man könnte es mithören! Was hast du ihnen erzählt?« Er blickte sich gehetzt um und bemerkte den neugierigen Blick einer ältlichen, rotgesichtigen Frau, die trotz der Hitze im Wartezimmer in einen dicken Wintermantel gehüllt war. Ihre vorstehenden Augen fixierten ihn fest. Matthew wandte ihr den Rücken zu. Maria starrte ihn ebenfalls an, und in ihren Augen stand Verachtung.
»Oh, keine Angst. Ich habe ihnen gesagt, ich wäre ausgerutscht und hätte mir den Kopf an einem Aktenschrank gestoßen. Ich habe niemandem erzählt, dass sie sich von hinten an mich herangeschlichen und versucht hat, mir den Schädel einzuschlagen! Matthew, sie ist gefährlich! Ich hab’s immer gesagt, und vielleicht glaubst du mir jetzt! Sie muss weg!«
»Das ist nur der Schock wegen Katie!«, flehte er.
»Ich konnte nicht früher kommen, weil wir sie suchen mussten. Sie ist in den Park gerannt und hat sich dort versteckt. Dann war Dr. Barnes da. Er sagt, es sei wegen des Traumas. Und der zusätzlichen Medikamente, die er ihr verordnet hat. Mach bitte keinen Aufstand, Maria. Ich werde es wiedergutmachen, ich verspreche es …«
»Wie?« Sie sah ihn erwartungsvoll an.
»Fahr nach London, kleide dich von oben bis unten neu ein, alles, was du willst, und lass es auf meine Rechnung schreiben. Geh zur Kosmetikerin, lass dich schön machen …«
»Oh, großartig, mit einem dicken blauen Fleck an der Schläfe und einer mit drei Stichen genähten Platzwunde! Ich sage dir, wenn eine Narbe bleibt, verklage ich sie!«
»Um Himmels willen, Maria! Wenn es um Geld geht, werden wir uns sicher einig!«, rief er verärgert und vergaß völlig, dass er sich an einem öffentlichen Ort befand. Sie schwieg einen Augenblick.
»Ja, sicher, wenn es um Geld geht! Aber ich will kein Geld, Matthew! Du weißt ganz genau, was ich will!«
»Ich kann dir nichts versprechen!«, murmelte er, während er sie am Ellbogen packte und in Richtung Ausgang schob, begierig darauf, endlich wegzukommen. Als sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten, näherte sich eine Krankenschwester der rotgesichtigen Frau im Wintermantel.
»Der Arzt möchte Sie jetzt sehen, Mrs. Rissington. Wenn Sie bitte hier entlang kommen würden?« KAPITEL 17 Als Meredith in Bamford aus dem frühen Abendzug stieg, hatte sich bereits die Dämmerung über den Bahnsteig gesenkt. Die hell erleuchteten Waggons setzten sich wieder in Bewegung, verschwanden in der Nacht und ließen ein Gefühl von Trostlosigkeit hinter sich zurück. Der Wind blies Meredith kalt ins Gesicht und um die Knöchel, und sie erschauerte trotz ihres wasserdichten Regenmantels. Dieses teure Stück Garderobe hatte sich als sinnvolle Investition erwiesen. Sie besaß es schon seit Jahren, und es sah immer noch gut aus, obwohl es während dieser Zeit mehr als einmal in eine Vielzahl von Koffern und Taschen gestopft und in öffentlichen Verkehrsmitteln zerknautscht worden war, Meredith darauf gesessen und einige Male, wenn Fernzüge oder Flugzeuge Verspätung hatten, sogar darauf geschlafen hatte. Andere Fahrgäste, die aus dem gleichen Zug ausgestiegen waren, eilten an Meredith vorbei und verschwanden in Richtung Parkplatz. Das Brummen startender Motoren erklang. Meredith wohnte nahe genug, um zu Fuß zu gehen, doch an diesem Abend wünschte sie, sie wäre mit dem Wagen gekommen. Sie war allein. Nirgendwo war Bahnhofspersonal zu sehen. Der Zeitungskiosk und der Schnellimbiss hatten bereits geschlossen. Ein leerer Kaffeebecher rollte an der Bahnsteigkante entlang und fiel auf die Geleise. Draußen wartete ein einzelnes Taxi auf Kundschaft. Der Fahrer öffnete die Tür und lehnte sich heraus, als er Meredith sah, doch sie rief nur:
»Nein, danke!«, packte ihre Tasche fester und setzte sich über den verlassenen Vorplatz hinweg in Richtung Stadt in Bewegung. So spät war es nun auch wieder nicht! Gerade mal halb sieben! Doch um diese Jahreszeit war es um halb sieben bereits dunkel, die Läden hatten geschlossen und die letzten Angestellten und Verkäufer warteten an den Bushaltestellen. Wenigstens blieb ihr dieser deprimierende Gang für den Rest der Woche erspart. Sie hatte noch Resturlaub und beschlossen, ein paar Tage frei zu nehmen. Jetzt gab es keine Entschuldigung mehr, die Zimmer nicht zu Ende zu streichen oder andere anstehende unangenehme Aufgaben weiter vor sich hinzuschieben. Wovon die erste, dachte Meredith kläglich, darin bestand, sich bei Vater Holland zu melden und über ihren Besuch bei Adeline Conway Bericht zu erstatten. Sie hätte den Geistlichen auch anrufen können, doch sie musste von Angesicht zu Angesicht mit ihm reden. Sie wollte ihm ihre Ängste wegen Adeline Conway erklären, obwohl erklären vielleicht ein etwas zu optimistisches Wort war. Sie war sich ja nicht einmal sich selbst gegenüber sicher, wollte mit Vater Holland aber unbedingt über ihr unbestimmtes Gefühl reden. Irgendjemand musste etwas tun, um Adeline zu helfen, und zwar schnell und tatkräftig, so viel stand fest. Doch konnte sie nicht sagen, woher die Gefahr kommen mochte – vielleicht sogar von Adeline selbst. Meredith hatte gespürt, dass sich unter der Oberfläche der zerbrechlich wirkenden Frau ein schier unerträglicher Druck aufgestaut hatte. Sie drohte sich selbst zu zerstören, wie ein ausbrechender Vulkan. Nichts von alledem konnte sie Vater Holland über ein so anonymes Medium wie das Telefon begreiflich machen. An der Straßenecke zögerte Meredith. Sie konnte Vater Holland gleich jetzt besuchen, noch bevor sie nach Hause ging. Sie würde ihm alles sagen und ihr Gewissen damit erleichtern, und mit ein wenig Glück konnte sie sich den Rest des Abends entspannen. Die Kirche und das angrenzende Vikariat lagen am Ende einer kurzen, breiten Sackgasse, die weniger Straße als vielmehr ein Stück mittelalterlichen Bamfords darstellte, das alle Modernisierungen und Stadtentwicklungsmaßnahmen überdauert hatte. Unter dem Asphalt der Straße lagen noch die Kopfsteinpflaster des alten Bamforder Marktplatzes, hatte Vater Holland ihr erzählt. Später, als die Stadt gewachsen war, hatte man einen neuen Marktplatz gebaut, und das Stadtzentrum war eine halbe Meile weiter nach Westen gewandert.
»Man kann eine Kirche nicht verlegen«, hatte Holland gesagt.
»Man kann die Menschen umsiedeln und neue Häuser bauen, aber die Kirche bleibt, wo sie ist, selbst wenn sie nur noch schwer zu erreichen ist oder gar mitten auf einem Feld steht. Im vierzehnten Jahrhundert«, hatte er hinzugefügt und mit den schweren Motorradstiefeln, die er unter der Soutane trug, auf den Boden gestampft,
»im vierzehnten Jahrhundert befand sich das Stadtzentrum genau hier.« Und genau dort fand Meredith sich nun wieder. Es war sehr still ringsum. Zur Rechten lag der alte Friedhof mit den raschelnden Kiefern. Die Kirche stand genau vor ihr, und der Turm ragte steil in den dunkelblauen Nachthimmel hinauf. Fledermäuse, die ihren Schlafplatz in der Kirchturmspitze verlassen hatten, flatterten über den Gräbern dahin. Hin und wieder schoss eine von ihnen dicht über Meredith hinweg, so dicht, dass sie fast ihr Haar berührte. Die Fledermäuse waren ein echtes Problem in der Bamforder Kirche und Thema hitziger Leserbriefe in der Lokalzeitung. Sie standen unter Naturschutz und durften nicht einfach vertrieben werden. Doch ihr Kot und ihr Urin stellten ein echtes Problem für das Dachgebälk dar, und es hatte Beschwerden gegeben wegen des moderigen Gestanks. In der Kirchenvorhalle brannte ein Licht, und ein weiteres schwaches Licht leuchtete im Innern. Noch hatte niemand die Kirche für die Nacht abgesperrt. Meredith öffnete das quietschende Tor zur Rechten, das zum Vikariat führte, und ging zur Eingangstür. Im Erdgeschoss brannten sämtliche Lichter, doch Meredith konnte klingeln, so viel sie wollte, niemand öffnete ihr. Versuchsweise drückte sie die Klinke herunter, denn sie wusste, dass der Vikar tagsüber nicht abschloss. Doch jetzt war die Tür zugesperrt, entweder, weil es dunkel geworden oder weil der Vikar weggegangen war und die Beleuchtung aus Sicherheitsgründen hatte brennen lassen. Die Lichter in der Kirche konnten bedeuten, dass Holland sich dort aufhielt. Meredith ging zurück zur Straße und näherte sich der Vorhalle. Die Masse des Bauwerks ragte lautlos und düster über ihr auf. Sie öffnete die schwere Eichentür an dem großen schmiedeeisernen Ring, der den schweren Riegel bewegte, und spähte hinein. Ein Geruch nach Kerzenwachs und Messingpolitur, Staub in alten Wandbehängen und der unweigerliche Gestank nach Fledermäusen schlug ihr entgegen. Im Halbdunkel sah sie Pfeiler, Kirchenbänke, Taufbecken, liegende Heiligenstatuen und den Stand mit den Magazinen. Nur oben auf der Kanzel brannte ein einzelnes Licht. Es flackerte im gotischen Deckengewölbe und spiegelte sich in den Gedenktafeln an den Wänden über dem finsteren Chorgestühl. In der Sakristei war alles dunkel, Vater Holland war nirgends zu sehen. Meredith wollte gerade die Tür wieder ins Schloss ziehen und gehen, als sie ein leises Geräusch hörte. Außer ihr war noch jemand da! Jetzt erst bemerkte Meredith eine kleine, dunkle Gestalt, die in einer der vorderen Bänke im Schatten eines dicken Pfeilers kniete. Die Gestalt hatte den Kopf gesenkt und schien zu beten. Meredith wollte sich erneut zurückziehen, aus Respekt vor der Andacht des anderen. Dann gab die Gestalt ein deutliches Schluchzen von sich. Da weinte jemand, und es klang eindeutig weiblich und noch sehr jung. Meredith betrat die Kirche und ging zu der Fremden. Es war ein junges Mädchen, und es hatte den Kopf auf den gefalteten Händen ruhen. Meredith sah nur ihre Haare, die im Licht von der Kanzel rot leuchteten wie glühende Kohle. Meredith wusste, dass die Frage
»Ist alles in Ordnung?«, genauso albern war wie
»Fehlt dir etwas?«, und doch stellte sie beide, denn es war eine etablierte Floskel in Fällen wie diesem, und ihr fiel nichts Besseres ein. Das Mädchen hob den Kopf. Ihr Gesicht war bleich und oval und von den roten Locken ihrer langen Haare eingerahmt. Ihre pausbäckige Anmut war vom Schmerz verzerrt. Es war das Gesicht eines Kindes mit den Augen einer Frau, eine lebende Murillo, eine Maria Magdalena in unserer Zeit. Meredith ahnte, wer dieses Mädchen vor ihr war. Sie setzte sich auf die Bank und sagte leise:
»Hallo. Mein Name ist Meredith Mitchell. Ich habe einen Vortrag vor dem Jugendclub der Kirche gehalten, aber ich glaube, dein Gesicht habe ich nicht gesehen.« Das Mädchen schüttelte den Kopf. Es richtete sich aus seiner knienden Haltung auf und setzte sich neben Meredith auf die Bank, wobei es die widerspenstigen roten Locken aus dem Gesicht schob.
»Ich gehe nicht mehr in den Club«, sagte es mit rauer Stimme.
»Früher bin ich immer gegangen, bis vor ein paar Jahren. Dann hab ich irgendwann den Glauben verloren.«
»Oh! Ich verstehe.« Meredith wartete. Im schwachen Licht meinte sie zu erkennen, dass das Mädchen errötete.
»Ich meine, ich weiß, dass ich jetzt hier bin, aber … aber …«
»Aber du steckst in einer Klemme«, sagte Meredith.
»Und du weißt nicht, was du tun sollst, richtig?«
»Ja …« Das Mädchen nickte heftig, und die roten Locken flogen.
»Du bist nicht zufällig Nikki Arnold?« Sie sah Misstrauen in den Augen des Mädchens aufflackern.
»Hören Sie«, sagte es,
»woher wissen Sie das?«
»Nun, ich bin eine Freundin von Chief Inspector Markby, der den Mord an Lynne Wills untersucht. Du bist wegen Lynne hier, habe ich Recht? Sie war deine Freundin?« Nikki verschränkte die Arme vor der Brust und wiegte sich, als wäre ihr kalt, doch vielleicht wollte sie sich mit dieser Geste auch nur selbst trösten.
»Ja. Wir waren richtig gute Freundinnen. Der Gedanke, dass Lynne tot ist, ist schrecklich. Und auch eigenartig. Ich meine, manchmal kann ich es überhaupt nicht glauben, dass sie tot ist. Es kommt mir dann so unwirklich vor. Ich habe ein paar Kassetten von ihr zu Hause, die sie mir geliehen hat. Ich kann sie nicht hören. Es ist, als wäre sie bei mir, als würde sie mich beobachten. Ich schätze, ich sollte zu ihren Eltern gehen und die Kassetten zurückgeben, aber ich kann nicht. Ihre Mutter und ihr Vater, sie würden anfangen Fragen zu stellen, wie diese Polizistin.«
»Nikki«, sagte Meredith sanft,
»weißt du, wer deine Freundin Lynne ermordet haben könnte?« Nikki riss erstaunt die Augen auf.
»Nein, natürlich nicht!«
»Aber du willst, dass der Mörder gefunden wird, oder? Und du weißt ein paar Dinge, über die du mit niemandem gesprochen hast, stimmt’s? Alles hilft weiter, jede noch so unbedeutende Information. Wenn genügend Puzzlesteine zusammenkommen, kann die Polizei den Mann überführen, der Lynne ermordet hat.« Nikki sah auf ihre Hände und verschränkte sie ineinander. Meredith bemerkte, dass die Fingernägel abgekaut waren.
»Diese Polizistin!«, stieß sie mit überraschender Heftigkeit hervor.
»Sie hatte kein Recht, zu uns nach Hause zu kommen und so mit meiner Mum zu reden! Sie hat meiner Mum Geschichten über mich erzählt! Sie hat alles noch viel schlimmer gemacht, als es ist. Mum ist seitdem stinksauer auf mich! Ich bin immer gut mit ihr ausgekommen. Wir waren richtige Freundinnen! Diese Polizistin hat alles verdorben!«
»Nein, Nikki«, widersprach Meredith leise.
»Du selbst hast alles verdorben. Aber jetzt hast du eine Chance, alles wieder in Ordnung zu bringen. Du hast Glück, weißt du das? Normalerweise bekommen wir diese Chance nicht, wenn wir einen Fehler machen, glaub mir.« Beide schwiegen, und die Pause zog sich in die Länge. Ein Balken oben im Dach knackte laut.
»Es war doch alles nur Spaß«, sagte Nikki störrisch.
»Und wir haben uns ein wenig Geld verdient, na und? Alles kostet Geld! Meine Mum hat kein Geld, also musste ich es woanders auftreiben. Ich hätte mir eine Teilzeitarbeit gesucht, aber im Augenblick gibt es in ganz Bamford nichts. Jedes Mal, wenn irgendein Laden ein Schild ins Schaufenster hängt, sind mindestens zwanzig Leute vor dir da. Lynne und ich, wir waren keine Schlampen! Wir haben nur, na ja … wenn da ein Kerl war, der uns gefiel oder der aussah, als würde er für uns bezahlen … Wir … sie wissen schon. Es waren nicht viele! Meine Mum schreit mich andauernd an, dass ich ihr sagen soll, wie viele Kerle es waren. Ich kann mich nicht erinnern, aber es waren nicht viele!« Ihr Versuch einer Rechtfertigung hatte etwas kindlich Unschuldiges an sich, etwas, das Meredith als überaus deprimierend empfand. Sie sah das, was sie und ihre Freundin Lynne getan hatten, nicht als Prostitution an. Für sie war es nur eine Möglichkeit gewesen, sich ein wenig Taschengeld zu verdienen. Ein Teilzeitjob wie jeder andere auch. Hätte Nikki das Geld samstags als Aushilfe in Geschäften verdienen können, hätte sie es gemacht. Doch die Wirtschaftskrise hatte diese Art von Stellen vernichtet, und so hatten die Mädchen einen anderen Weg gefunden. Der wie beiläufig wirkende Mangel an Moral war sowohl schockierend als auch furchteinflößend. Es wäre unmöglich, Nikki begreiflich zu machen, wo ihr Fehler lag, weil sie einfach nicht sah, was sie falsch gemacht hatte. Die Risiken eines solchen Nebenerwerbs waren ihr erst jetzt zu Bewusstsein gekommen, nach Lynnes Tod. Trotzdem schien sie nicht imstande, den Zusammenhang zu erkennen. Meredith spürte genau jene Hilflosigkeit in sich, die Sozialarbeitern so sehr vertraut ist.
»Ihr habt Männer aufgerissen«, sagte sie.
»Und ihr seid mit ihnen in das Mausoleum der Devaux-Familie gegangen. Warum habt ihr es nicht in den Autos gemacht?« Nikki sah Meredith geduldig an.
»Sie hätten uns hinterher rauswerfen und davonfahren können, ohne zu bezahlen! Außerdem, in einem Wagen sitzt man wie in einer Falle. Deswegen haben wir sie aus ihren Autos geholt, kapiert?«
»Ja, sicher. Aber die Gruft, war es nicht ziemlich schaurig dort?« Nikkis Gesicht hellte sich auf.
»Ja. Total schlimm!« Meredith blinzelte. Offensichtlich standen sie und Nikki auf den entgegengesetzten Seiten eines kulturellen und sprachlichen Abgrunds. Es war wohl genau diese Schaurigkeit, die das Mausoleum so begehrenswert hatte erscheinen lassen, die ihm eine erotische Anziehungskraft verliehen hatte – die Faszination der Vampirlegende. Und so, wie Nikki
»schlimm« betont hatte, meinte sie eindeutig
»gut«.
»Genau wie in einem Horrorvideo! Ein paar der Kerle mochten es nicht besonders, aber die meisten kamen total in Fahrt! Sie rannten rum und machten Geräusche wie Geister und standen auf den Särgen, als wären sie Dracula persönlich! Ein paar sahen richtig lächerlich aus!« Nikkis Begeisterung schwand.
»Nur hätten wir nie gedacht, dass es wirklich mal ein Grab wird. Ich meine, für Lynne …« Meredith spürte Zorn in sich aufsteigen. Nicht auf Nicki, sondern auf eine Popkultur, die zwei junge Gehirne so korrumpiert hatte.
»Aber wie seid ihr reingekommen? Ihr müsst irgendwann die Schlüssel bekommen haben. Hat der Schweinehirte sie euch gegeben?«
»Was denn, Onkel Winston?« Nikki kicherte unerwartet.
»Der traut sich nicht mal in die Nähe! Einmal ist er gekommen, als wir drin waren, Lynne und ich. Wir haben uns nur umgesehen. Wir sind auf ein Sims geklettert und haben ihn durch die Fenster gesehen, wie er hinter seinen Schweinen her ist! Wir haben laut gestöhnt, und er hat uns gehört und ist mit wedelnden Armen und vollen Hosen weggelaufen!«
»Und wer hat euch den Schlüssel gegeben?« Nikki sah Meredith an und presste die Lippen aufeinander.
»Ich schätze, ich kann’s mir denken«, sagte Meredith.
»Ich denke, ich weiß, wer es war, aber ich weiß nicht, warum. Katie Conway hat euch den Schlüssel gegeben, stimmt’s?« Nikki erwiderte Merediths Blick herausfordernd.
»Na und? Es war ihr Haus und ihr Schlüssel! Ihr Familiengrab, wo all ihre toten Verwandten liegen! Warum hätte sie uns den Schlüssel nicht geben sollen?«
»Es ist die umgekehrte Frage, die mich interessiert. Warum hat sie ihn euch gegeben?«, beharrte Meredith.
»Wo hast du Katie kennen gelernt, Nikki? Und was hattet ihr gegen Katie in der Hand, um sie dazu zu bringen, euch den Schlüssel zum Devaux-Mausoleum zu geben?« Nikki sah finster drein.
»Es war Doms Idee …«, begann sie schließlich.
Helen Turner saß bei einer Tasse Tee vor Mrs. Prides Fernseher, als Meredith mit Nikki Arnold hereinkam. Helen blickte überrascht auf und rief:
»Was um alles in der Welt …?«
»Hier ist Nikki«, sagte Meredith rasch.
»Sie hat Ihnen eine ganze Menge zu erzählen, Helen. Sie möchte es sich von der Seele reden, nicht wahr, Nikki?«
»Ja, schon gut«, sagte Nikki, während sie sich auf die Kante eines Lehnsessels setzte und einen staunenden, anerkennenden Blick auf Mrs. Prides sauberes, ordentlich aufgeräumtes Wohnzimmer warf; wahrscheinlich zog sie insgeheim Vergleiche mit dem Chaos des mütterlichen Haushalts. Nachdem sie Meredith ihr Herz ausgeschüttet hatte, schien sie ihre gewohnte Selbstsicherheit zurückgewonnen zu haben.
»Kann ich eine Tasse Tee kriegen?«
»Aber selbstverständlich kannst du!«, erwiderte Mrs. Pride glücklich.
»Ich setz gleich den Kessel wieder auf. Ich weiß, was du bestimmt auch noch magst, Liebes: Du möchtest ganz bestimmt ein Stück von meinem Biskuitkuchen!«
Helen warf Meredith einen unbeschreiblichen Blick zu.
»Nun ja, ich überlass alles Weitere Ihnen«, sagte Meredith unbekümmert.
»Ich war nämlich noch nicht zu Hause.«
»Wollen Sie denn nicht wenigstens zum Tee bleiben?«, lud Mrs. Pride sie hoffnungsvoll ein.
»Wirklich nicht, danke«, sagte Meredith.
»Ich habe zwei Lammkoteletts im Kühlschrank, und ich bin völlig am Ende«, fügte sie ehrlich hinzu. Doch als sie, nachdem sie Nikki sicher und behütet bei einer Tasse Tee und Kuchen zurückgelassen hatte, endlich zu Hause angekommen war, fand sie schnell heraus, dass die Überraschungen an diesem Abend noch längst nicht vorbei waren. Sie hatte eben mit der Zubereitung ihres bescheidenen Abendessens angefangen, als das Telefon klingelte. Sie sah auf ihre Uhr. Es war nach acht. Sie nahm den Hörer auf und fragte vorsichtig:
»Hallo?«
»Meredith!«, drang Barney Crouchs aufgeregte Stimme an ihr Ohr.
»Wo haben Sie nur gesteckt? Sie müssen auf der Stelle kommen!«
»Barney! Ich kann nicht, ich bin gerade erst nach Hause gekommen …«
»Ich bin in der Bar im Crossed Keys!« Barney schnitt ihr das Wort ab.
»Kommen Sie, so schnell Sie können, und bringen Sie Ihren Wagen mit!« Die Verbindung wurde unterbrochen. Meredith ging in die Küche und schaltete die Bratröhre ab. Es würde offensichtlich eine lange Nacht werden, und sie hatte nicht einmal ein Stück von Mrs. Prides Kuchen als Stärkung zu sich genommen. KAPITEL 18 Meredith kannte das Crossed Keys gut. Es war ein kleines und einfaches Hotel am Market Square; sie hatte ein paar Mal dort übernachtet, bevor sie ihr Haus gekauft hatte. Die
»Lounge Bar«, wie sich die Hotelbar nannte, war in erster Linie für Hotelgäste und durchreisende Geschäftsleute gedacht, ebenso wie für die wenigen Einheimischen, die den lauten Trubel in den gewöhnlichen Pubs nicht mochten. Im Crossed Keys gab es keine Musikberieselung, kein Billard- oder Snookerzimmer, keine Mahlzeiten. Wer essen wollte, musste nach nebenan in den Speisesaal gehen, und jegliches Anzeichen von Ausgelassenheit hätte die unverzügliche Bitte zur Folge gehabt, das Etablissement zu verlassen. Die Lounge Bar sah aus wie ein Ausstellungsraum. Nicht zueinander passende Sessel in Braun und Dunkelgrün standen zwischen kunterbuntem Nippes, an den Wänden hingen Bilder, die unter einer dicken, dunklen Schicht von Öllack kaum noch kenntlich waren, und in einem Bücherschrank standen staubige Wälzer, die noch nie irgendjemand ausgeliehen hatte. Barney, der wunderbar in dieses Ambiente zu passen schien, hatte es sich in der Ecke eines dick gepolsterten ChesterfieldSofas bequem gemacht und hielt ein Whiskyglas in der Hand. Als Meredith eintrat und sich suchend umsah, fing er ihren Blick auf und verfiel in eine Serie übertriebenen Zwinkerns, Nickens und Bartwackelns, als würde er sich jeden Augenblick den Unterkiefer ausrenken.
»Barney!«, sagte Meredith, als sie zu ihm trat.
»Ich hoffe wirklich, Sie glauben nicht, dass Sie sich unauffällig verhalten! Wenn Sie weiter die Augen so verdrehen und so heftig zwinkern, denken die Leute noch, Sie hätten ein Delirium tremens!«
»Er ist hier!«, knurrte Barney.
»Was? Wo?« Meredith blickte sich suchend um.
»Wer ist es?«
»Vorsicht!«, sagte Barney ärgerlich.
»Ich soll mich auffällig verhalten? Starren Sie gefälligst nicht so!«
»Tue ich doch gar nicht! Ich weiß doch noch nicht einmal, wen ich anstarren soll!«
»Dort drüben an der Theke. Der kleine dickliche Bursche mit dem Schnurrbart und der Tweedjacke! Der sich gerade ein neues Pint bestellt! Bleiben Sie sitzen, ich geh Ihnen was zu trinken holen. Ich stell mich direkt neben ihn, dann wissen Sie, wen ich meine. Sind Sie immer noch bei Tomatensaft?«
»Ich denke, ich nehme einen Bitter Lemon, falls möglich, und ein Päckchen Chips oder Erdnüsse bitte. Ich hatte nämlich noch kein Abendessen, Barney.« Meredith kramte in ihrer Geldbörse. Barney nahm das Geld würdevoll entgegen und näherte sich der Theke. Sein Verhalten hatte etwas aus der Zeit des Schwarzweißkinos an sich, eine bühnenhafte Verstohlenheit, die geradezu nach einer passenden atmosphärischen Hintergrundmusik verlangte. Es war nicht weiter überraschend, dass der Mann mit dem Schnurrbart ihn merkwürdig ansah.
»Ich glaub nicht«, sagte Barney bei seiner Rückkehr,
»dass er Verdacht geschöpft hat.« Er stellte den Bitter Lemon und ein Päckchen Käse-Zwiebel-Chips vor Meredith ab und legte das Wechselgeld, sorgfältig zu einem kleinen Türmchen aufgeschichtet, dazu.
»Er hat nicht bemerkt, dass ich ihn beobachte. Ich hab nämlich eine Begabung für so was, wissen Sie?« Meredith antwortete nicht auf diese bescheidene und eindeutig falsche Behauptung.
»Danke für die Chips«, sagte sie.
»Geht das in Ordnung, wenn ich sie gleich jetzt esse? Wir werden wohl nicht fluchtartig von hier aufbrechen, oder?«
»Nein, noch nicht jedenfalls. Er hat sich gerade ein neues Bier bestellt. Aber er sitzt schon eine gute Stunde hier und könnte bald gehen. Wir werden ihm folgen! Haben Sie den Wagen dabei?«, fragte Barney besorgt.
»Äh, ja.« Meredith kaute auf den Chips.
»Und Sie sind sicher, dass Sie den Richtigen haben, Barney? Es könnte nämlich sonst ziemlich peinlich werden.«
»Er ist es! Ich wette mein Leben darauf!« Barney zögerte.
»Lebenslänglich, ja. Das kriegt er für seine schändliche Tat!«
»Wir wissen doch überhaupt nicht, ob er etwas getan hat!«
»Ich hab gesehen, wie er mit der Kleinen weggegangen ist! Warum versteckt er sich in diesem grässlichen Laden hier? Niemand würde freiwillig hierher kommen!«
»Dann sollten wir jetzt lieber Alan Markby anrufen und ihn herbestellen.«
»Alles zu seiner Zeit!«, sagte Barney. Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Wie es aussah, kam Barney gerade erst richtig in Fahrt und wollte die Aufregung der Jagd noch ein wenig länger auskosten.
»Haben Sie den Burschen durch die verschiedenen Bars verfolgt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?«
»Ich habe jedenfalls keine einzige Stunde Öffnungszeit versäumt«, antwortete Barney stolz.
»Ich war in jedem Pub im Umkreis von ein paar Meilen! Ich dachte schon, er wäre stiften gegangen, und das hier war meine allerletzte Chance. Ich meine, wer geht schon freiwillig in diesen Laden? Sehen Sie sich doch nur an, wie es hier aussieht! Wie bei einer Beerdigung! Aber kaum saß ich da, ist er reingekommen. Ich dachte, du dummer alter Kerl, Barney! Ich hätte mir gleich denken können, dass er in so einem Laden verkehrt. Keine Stammkundschaft, nur Reisende im Wind, sozusagen. Heute hier, morgen woanders. Sie stellen keine Fragen und interessieren sich nicht für Antworten. Jede Wette, dass er seit der Nacht im Silver Bells jeden Abend hier gewesen ist, weil er Angst hatte, sein Gesicht woanders zu zeigen.« In Meredith stieg allmählich der Verdacht auf, dass eine Mischung aus Zwiebel-Käse-Chips und Bitter Lemon auf nüchternen Magen wohl doch nicht so eine gute Wahl war.
»Ich werde Alan anrufen«, sagte sie bestimmt. Barney packte sie am Handgelenk, als sie Anstalten machte, aufzustehen.
»Nein, das dürfen Sie nicht! Keine Zeit! Er geht!« Ihre Beute leerte ihr Glas und stellte es mit einer endgültigen Geste auf den Tresen zurück. Der Mann mit dem Schnurrbart wünschte dem trübseligen Barmann eine gute Nacht und marschierte auf den Ausgang zu.
»Bewegen Sie sich ganz natürlich!«, befahl Barney, als sie ihm hinterherrannten,
»’tschuldigung, Ladys first!« Sie hatten sich zusammen in den Ausgang gequetscht.
»Jetzt kommt der schwierige Teil. Er geht auf den Parkplatz.«
»Ich weiß nicht, ob wir ihm zu dieser späten Stunde folgen können, ohne dass er etwas bemerkt. Es sind nicht so viele Wagen unterwegs, und die Scheinwerfer …«
»Da fährt er!« Barneys Stimme überschlug sich vor Aufregung.
»Sehen Sie, dort! Beeilung, sonst verlieren wir ihn noch!« Ein Kombi fuhr vom Parkplatz und bog nach links ab. Die Straßenbeleuchtung verfälschte die Wagenfarbe, die möglicherweise rot war, aber jetzt in einem stumpfen Gelbgrau schimmerte. Barney stieß vor Aufregung unartikulierte Laute aus. Meredith bugsierte ihn irgendwie auf den Beifahrersitz ihres Wagens, bevor sie um diesen herum rannte und selbst einstieg.
»Das wird bestimmt nicht leicht! Schnallen Sie sich an!«, ächzte sie und ließ den Motor an. Der schwache Verkehr zu dieser späten Zeit erleichterte es ihnen, die Rücklichter des Kombis zu finden.
»Er biegt schon wieder nach links ab«, murmelte Barney.
»Vielleicht fährt er raus ins Neubaugebiet.« Doch der Wagen fuhr weiter, bis er die Randbezirke der Stadt hinter sich gebracht und freies Land erreicht hatte. Sie folgten ihm über eine unbeleuchtete Landstraße.
»Er muss wissen, dass wir hinter ihm sind!«, sagte Meredith.
»Es muss ihm doch verdächtig vorkommen!«
»Na und? Warum sollte er glauben, dass wir ihn verfolgen? Das ist eine öffentliche Straße hier. Aufgepasst! Er wird langsamer!« Die Scheinwerfer des Wagens vor ihnen hatten eine Reihe Häuser auf einer Straßenseite erfasst. Der Fahrer bremste und bog in die Einfahrt des letzten Hauses ein, dann hielt er.
»Fahren Sie dran vorbei, langsam und gleichmäßig, damit ich seine Nummer sehen kann!«, wies Barney sie an. Meredith verzog das Gesicht.
»Ich wünschte, Sie säßen am Steuer und nicht ich!« Sie fuhren an dem Kombi vorbei. Als sie auf gleicher Höhe waren, flammte die Innenbeleuchtung auf. Der Fahrer hatte die Tür geöffnet und stieg aus. Sie konnten ihn deutlich erkennen. Er sah zu ihnen hin, dann waren sie vorbei.
»Ich hab sie!«, sagte Barney triumphierend.
»Glaub ich wenigstens. Ich bin nicht sicher, was die letzte Zahl angeht.«
»Er hat uns gesehen.«
»Keine Chance!«, widersprach Barney zuversichtlich.
»Er war im Licht, und wir waren im Dunkeln. Außerdem haben unsere Scheinwerfer ihn geblendet. Warten Sie, da ist ein Straßenschild. Das war die Claypits Lane. In Ordnung, jetzt können Sie nach Bamford zurückfahren, und dann rufen wir meinetwegen Ihren Chief Inspector an.«
»Ich hoffe wirklich sehr, dass Sie sich nicht irren, Barney.«
»Das ist die Adresse, Claypits Lane, Sir. Falls Ihr Informant sich nicht geirrt hat«, sagte der Fahrer über die Schulter zu seinem Passagier auf dem Rücksitz.
»Sehr gut. Dann halten Sie hier bitte. Wir gehen zu Fuß zum Haus. Besser, wenn wir niemanden frühzeitig vor unserem Eintreffen warnen.«
Der Fahrer lenkte den Wagen zur Bankette, dicht neben einer Hecke, und schaltete den Motor ab.
»Möchten Sie, dass ich mitkomme, Sir?«, fragte er hoffnungsvoll.
»la, bitte sehr. Obwohl ich nicht damit rechne, dass er Probleme macht.« Das Schlagen der Wagentüren hallte weit über das offene Land. Es war kurz nach sieben Uhr morgens und entsprechend der Jahreszeit noch nicht ganz hell. Das Polizeifahrzeug hatte dunkle Spuren in den Frost geschnitten, der den Seitenstreifen bedeckte. Dunkler Nebel lag auf den Feldern und verdeckte die Bäume, deren Wipfel gerade erst in der Morgendämmerung aufzutauchen begannen. Trotz seines Wintermantels fühlte Markby, wie die Kälte in seine Glieder biss. Der Fahrer rieb sich die Hände.
»Ziemlich frisch«, beobachtete er. Markby grinste, und sie marschierten los. Die Häuser standen vielleicht fünfzig Yards entfernt. Sie sahen aus, als wären sie von jemandem gebaut worden, der ein freies Stück Land entdeckt und fest mit einem weiteren, explosionsartigen Anstieg von Wohnraumbedarf gerechnet hatte – so, wie es in den siebziger Jahren der Fall gewesen war. Markby öffnete das Tor, das zum letzten Haus führte, und sie gingen die Einfahrt hinauf. Oben im ersten Stock brannte Licht hinter einer Milchglasscheibe, wahrscheinlich einem Badezimmer. Auf der Rückseite war ein weiteres Zimmer im Erdgeschoss erleuchtet.
»Er ist also zu Hause«, sagte der Fahrer.
»Glauben Sie, er ist Ihr Mann, Sir?«
»Nach einem nicht allzu zuverlässigen Zeugen, ja. Wir brauchen eine Menge mehr stichhaltiger Beweise als die Identifikation durch Barney Crouch! Sehen Sie in der Garage nach, Wilson. Wenn das dort die Küche ist, kann er das Garagentor nicht sehen.« Es war ein gewöhnliches Schwingtor, und es ließ sich ohne jedes Geräusch öffnen. Im Innern stand ein roter Kombi. Die Garage war ein Bilderbuch an Ordnung. Werkzeuge hingen fein säuberlich an Haken. Dosen und Flaschen standen auf einem Regal. Das, so dachte Markby, ist die Garage eines Mannes, der, wenn er seinen Wagen reinigt, mit gründlicher Sorgfalt zu Werke geht. Markby warf einen Blick ins Innere des Kombis. Wenn die Jungs von der Spurensicherung sich erst einmal an die Arbeit machten, würden sie schon etwas finden – falls es tatsächlich der Wagen war, in dem der Leichnam von Lynne Wills gelegen hatte. Außerdem waren da noch die Reifen, die, falls sie nicht gewechselt worden waren, mit den Spuren beim Mausoleum und beim Fundort der Leiche verglichen werden konnten. Vielleicht fanden sie sogar Spuren von Humus aus der Umgebung der Devaux-Gruft.
»Das ist das Kennzeichen, das Crouch genannt hat«, sagte der Constable neben ihm nervös. Er war ein junger Bursche, und er begleitete nicht jeden Tag einen richtigen Chief Inspector, möglicherweise um eine wichtige Verhaftung vorzunehmen.
»Also schön«, sagte Markby.
»Wollen wir doch mal hören, was er zu sagen hat, bevor einer seiner Nachbarn aus dem Fenster sieht, uns entdeckt und womöglich noch die Polizei alarmiert!« Der Mann öffnete die Tür mit einer Milchflasche in der freien Hand. Er blinzelte und sah fragend von einem zum anderen.
»Mr. Geoffrey Garton?« Markby zog seinen Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn dem Mann hin.
»Hätten Sie einen Augenblick Zeit für mich?«
»Worum geht es?« Garton stand breitbeinig in der Tür und blockierte den Eingang.
»Ein bisschen früh am Tag, finden Sie nicht?« Er war Mitte vierzig und hatte einen Bauch. Sein Haar war schütter, und als Ausgleich hatte er sich wahrscheinlich den Schnurrbart wachsen lassen. Seine Gesichtsfarbe war ein wenig rötlich, wofür es verschiedene Erklärungen geben konnte. War er ein Trinker? War er erschrocken, weil sie vor seiner Tür standen? Hatte er Fieber? Oder Herzprobleme? Markby hoffte, dass es nicht Letzteres war.
»Vielleicht könnten wir uns drinnen entspannter unterhalten, Mr. Garton? Ist Ihre Frau zu Hause?«
»Frau? Ich hab keine mehr. Sie ist vor drei oder vier Jahren verschwunden.« Garton trat zur Seite und deutete mit der Milchflasche ins Innere des Hauses.
»Ich war gerade beim Frühstück. Kommen Sie mit in die Küche. Es ist das wärmste Zimmer. Ich heize die restlichen Räume nicht; ich bin den ganzen Tag unterwegs.« Der Flur war kalt, fast so kalt wie die Eingangshalle von Park House, und es roch muffig. Gartons Küche war spartanisch eingerichtet. Sein Frühstück – eine Tasse, eine Schale, ein Esslöffel zwischen einer Packung Cornflakes, geschnittenem Brot in einer Plastiktüte und einem Glas Marmelade aus dem Supermarkt – sah erbärmlich aus. Markby musste an Barneys fürstliche Mahlzeit denken. Dann erinnerte er sich an seinen eigenen Frühstückstisch und schnitt eine Grimasse, als ihm bewusst wurde, dass er diesem hier sehr ähnlich sah: Es war der Frühstückstisch eines Junggesellen, der sich mit dem geringst möglichen Aufwand zu ernähren gedachte. Die Parallele erweckte Unbehagen in ihm.
»Wo arbeiten Sie, Mr. Garton?«, hörte sich Markby in scharfem Tonfall fragen.
»Bei Nortons Cash and Carry. Ich bin verantwortlich für das Lager und die Nachbestellungen. Hören Sie, was hat das alles zu bedeuten? Ist irgendwas mit dem Laden? Es wurde doch wohl nicht eingebrochen?« Garton sah auf seine Uhr.
»Ich komme ungern zu spät zur Arbeit.«
»Ist das dort draußen in der Garage Ihr Wagen?«
»Ja! Und ich war nicht in einen Unfall verwickelt!« Gartons Selbstsicherheit nahm zu. Im ersten Augenblick war er schockiert gewesen, doch jetzt hoffte er offensichtlich, dass es um irgendeinen Verkehrsverstoß oder etwas in der Art ging.
»Und Sie haben dieses Fahrzeug in der Nacht vom …«, Markby sah in seinem Notizbuch nach, nicht, weil er das Datum der Mordnacht vergessen hatte, sondern weil der Anblick eines Notizbuches bei manchen Leuten Eindruck machte. Garton blickte ängstlich auf das kleine Buch.
»Ja, ja. Vermutlich, ja. Ich erinnere mich nicht, jedenfalls nicht aus dem Stegreif.«
»Es war ein Donnerstag. Was machen Sie gewöhnlich donnerstagabends?«
»Normalerweise … nun ja, kommt ganz darauf an! Wenn es etwas im Fernsehen gibt, bleibe ich zu Hause, mache mir mein Essen und sehe fern.«
»Oder Sie gehen in ein Pub?«
»Manchmal«, sagte Garton unwillig.
»Ein Zeuge behauptet, er hätte sie in der fraglichen Nacht im Silver Bells gesehen, in Bamford. Wäre das möglich?«
»Schätze schon, aber ich könnte es nicht beschwören!«, fauchte Garton.
»Ich erinnere mich nicht genau! Hören Sie, was soll das eigentlich alles?« Er leckte sich mit der Zunge über die Unterlippe.
»Es war ein Abend wie jeder andere auch. Möglich, dass ich auf einen Drink ausgegangen bin, aber ich erinnere mich nicht, in welchem Pub ich war. Ich habe keine Stammkneipe.«
»Haben Sie je dieses Mädchen gesehen?« Lynnes Eltern hatten der Polizei das Foto gegeben. Es war ein paar Monate vor ihrem Tod aufgenommen worden, vom Schulfotografen, und es zeigte sie in Uniform, ohne Make-up, mit sauber nach hinten gekämmtem und zu einem Pferdeschwanz gebundenem Haar. Sie sah genauso alt aus, wie sie tatsächlich war, keinen Tag älter, und ihr Lächeln war strahlend und zuversichtlich. Gartons Hand zitterte, als er Markby das Bild zurückgab.
»Nein! Ich kenne sie nicht!« Markby steckte Notizblock und Bild wieder weg.
»Wir würden gerne einen Blick auf Ihren Wagen werfen. Haben Sie Einwände? Wir behalten ihn nur für einen Tag.«
»Einen ganzen Tag? Was soll ich ohne Wagen machen?« In Garton stieg Panik auf.
»Wofür brauchen Sie meinen Wagen?«
»Ich möchte, dass die Spurensicherung einen Blick darauf wirft, Mr. Garton.« Markby wusste, dass er seinen Mann hatte. Er hatte es in dem Augenblick gewusst, als Garton ihnen die Tür geöffnet hatte. Doch er brauchte Beweise. Gartons Gedanken spiegelten sich auf geradezu lächerlich leicht durchschaubare Weise auf seinem Gesicht: Er fragte sich, ob die gründliche Reinigung, die er seinem Wagen hatte angedeihen lassen, wirklich ausreichend war.
»Also schön«, sagte er zögernd.
»Und wir müssen Sie um Proben Ihrer Körperflüssigkeiten bitten.« Gartons Gesicht wurde grau.
»Ich weigere mich! Das ist ein verdammter Eingriff in meine Bürgerrechte!«
»Nein, ist es nicht, und nein, Sie können sich nicht weigern«, sagte Markby sanft. Garton funkelte ihn an.
»Warten Sie’s ab! Ich werde mich mit meinem Anwalt in Verbindung setzen!« Er hatte seinen Wagen nicht gründlich genug gereinigt. Sie fanden Spuren von Blut, Haut und Haaren, und er hatte die Reifen vergessen. Dank einer DNS-Untersuchung konnten sie die Spermaspuren auf dem Leichnam und der Kleidung von Lynne Wills positiv als von ihm stammend identifizieren. Er hatte sogar den dummen Fehler begangen, den Kerzenstumpf im Mausoleum mit den Fingern auszudrücken und deutliche Fingerabdrücke im weichen Wachs zu hinterlassen. Später, als man ihm einen derart überwältigenden Berg von Indizien präsentierte, brach er zusammen. Fortan gab Garton nur noch das Bild einer jämmerlichen, erbärmlichen Gestalt ab, die immer wieder versuchte, sich selbst zu rechtfertigen, und die ihr schlimmes Schicksal beweinte.
»Ich wusste nicht, dass sie so jung war! Sie sah an diesem Abend überhaupt nicht aus wie auf dem Bild, das Sie mir gezeigt haben! Ich schwöre, dass ich sie für über achtzehn gehalten habe, und das hätten Sie auch! Es war allein ihre Idee. Sie war ein richtiges kleines Miststück! Sie hat mich angemacht und mich zu irgendeiner verlassenen Kapelle dirigiert! Es war ein schauriger Ort! Ich hab sie gefragt, warum wir ausgerechnet dorthin mussten! Wir hätten meinen Wagen nehmen können. Aber sie bestand drauf! Sie meinte, es wäre ein Gag! Ein Gag! Ich fing an zu glauben, dass sie nicht ganz richtig hier oben war.« Er tippte sich an die Schläfe.
»Aber wir hatten einen Preis ausgehandelt, und ich hatte ihr das Geld schon gegeben, den ganzen Betrag und in bar. Dann hat sie versucht, noch mehr Geld aus mir herauszupressen. Sie hat behauptet, minderjährig zu sein, und gesagt, dass sie mir Schwierigkeiten machen könnte. Sie war eine kleine verdammte Erpresserin, das war sie! Nicht, dass ich ihr geglaubt hätte. Ich hab Ihnen schon gesagt, sie sah älter aus. Ich hab die Geduld verloren. Ich war schon genug aufgebracht wegen dieser schauerlichen Gruft und allem. Ich hab sie gepackt, und wir haben gerungen, und dann ist sie hingefallen. Es war ein Unfall! Ich wollte sie nicht töten! Ich wollte ihr nicht einmal wehtun! Ich wollte ihr nur klarmachen, dass sie sich den Falschen für ihre dummen Tricks ausgesucht hat. Ich wollte ihr einen Schrecken einjagen. Aber dann bekam ich es mit der Angst zu tun, verstehen Sie? Als ich sah, dass sie tot war, heißt das. Ich hab eine Heidenangst bekommen. Ich hab sie einfach in meinen Wagen geworfen und beim Sportplatz rausgeworfen, weil ich dachte … na ja, weil ich dachte, es würde Sie von meiner Spur abbringen.«
»Und was ist mit dem anderen Mädchen?«, fragte Markby. Garton starrte ihn aus hervorquellenden, blutunterlaufenen Augen an.
»Was für ein anderes Mädchen? Heh, Sie meinen doch wohl nicht die kleine Conway? Das hängen Sie mir nicht an! Ich hab sie in meinem ganzen Leben noch nie gesehen! Ich hab in der Zeitung über ihren Tod gelesen, und ich weiß, dass die Polizei glaubt, es gäbe eine Verbindung zu … zu dieser Wills, aber ich habe nichts damit zu tun, hören Sie! Ich weiß, wer die Conways sind! Ich hätte mich nie in die Nähe von Matthew Conways Tochter gewagt! Ich bin doch nicht verrückt!« Garton zögerte und holte tief Luft.
»Ich will jetzt mit meinem Anwalt sprechen!«
»Selbstverständlich«, sagte Markby.
»Er wäre besser zugegen, wenn wir Sie wegen Mordes an Lynne Theresa Wills festnehmen.« KAPITEL 19
»Was sind wir Menschen doch für selbstsüchtige Kreaturen!«, sinnierte Barney.
»Was ich im Augenblick am stärksten verspüre, ist Erleichterung, dass das, was ich in jener Nacht beim Mausoleum gehört habe, nur Garton war, der den Leichnam des armen Dings weggeschleift hat, und nicht der Geist von irgendeinem alten Devaux, der aus seinem Grab auferstanden ist, um zu spuken. Selbstsüchtig und dumm sind wir!«
»Und Sie glauben nicht«, fragte Markby ihn,
»dass Ihre Aktion mit Meredith, nachts in Kneipen herumzustreunen und nach Garton Ausschau zu halten, auch ein wenig selbstsüchtig und dumm gewesen sein könnte, wie Sie so schön sagen?«
»Wir haben den Mörder für dich gefunden!«, rechtfertigte Meredith sich von ihrem Platz am Herd aus. Der Duft von heißer Schokolade erfüllte die Luft, als sie die Kasserolle über der Kochplatte schwenkte.
»Und nur durch reines Glück habt ihr ihn nicht frühzeitig gewarnt! Ihr hättet mich gleich im Crossed Keys anrufen sollen! Um aller guten Geister willen, Barney! Wenn Sie sich so gut an den Burschen erinnern konnten, warum haben Sie uns dann nicht gleich eine bessere Beschreibung geliefert? Sie und dieser Reeves waren so vage, dass wir nicht einmal genug Informationen zusammenbekommen haben, um ein Phantombild anzufertigen!« Barney blickte verlegen drein.
»Markby, ich möchte ein Geständnis ablegen. Schon mein ganzes Leben lang verspürte ich eine tiefe Abneigung dagegen, in die Mühlen der Bürokratie zu geraten. Ich hab Ihnen gesagt, dass ich gesehen habe, wie der Kerl mit dem Mädchen weggegangen ist. Ich habe meine Bürgerpflicht nicht missachtet! Und ganz offen gestanden, ich konnte mich anfangs wirklich nicht so gut erinnern wie hinterher. Und ich hatte die Hosen gestrichen voll am Mausoleum, wissen Sie noch?« Er zögerte und fuhr dann verlegen fort:
»Hauptsächlich, schätze ich, hatte ich Angst vor einer Gegenüberstellung. Auf irgendeinen unglücklichen Burschen zeigen, ein Formular ausfüllen und was weiß ich nicht noch alles! Also dachte ich mir, besser, wenn ich den Mund halte, ich hab meinen Teil getan. Aber dann, als Katie starb, wusste ich, wie falsch ich gelegen hatte!«
»Und warum sind Sie dann nicht zu mir gekommen und haben mir alles erklärt? Ich hätte es sicher verstanden!«, rief Markby voller Frustration.
»Die halbe Bevölkerung denkt genauso wie Sie, Barney! Wahrscheinlich noch mehr. Niemand will in offizielle Untersuchungen verwickelt werden! Ich weiß, dass die Leute entweder Angst vor Racheakten seitens der Halunken haben oder einfach nur nichts mit der Polizei zu tun haben wollen. Gott weiß, warum! Aber fast jeder, der so denkt, ist in jeder anderen Hinsicht ein mustergültiger Bürger!«
»Es tut mir Leid«, sagte Barney störrisch.
»Es tut mir wirklich Leid, aber ich hab es nun einmal getan, und ich kann es nicht mehr ungeschehen machen. Ah!« Er begrüßte die heiße Schokolade mit übertriebener Überschwänglichkeit.
»Der Kakao! Gott segne Sie, meine Liebe. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal heiße Schokolade getrunken habe!« Er schob Meredith die drei bereitstehenden Becher hin. Meredith füllte sie vorsichtig und setzte sich zu den beiden Männern an ihren Küchentisch. Sie spürte, dass Alan sie tadelnd ansah – er war bereit, Barney sein amateurhaftes Detektivspiel zu verzeihen und seine weitschweifigen Ausflüchte hinzunehmen, weil Barney ein unzuverlässiger Charakter und sein Gehirn in Scotch getränkt war. Doch Meredith, so sagten seine Blicke deutlich, hätte es besser wissen müssen! Im Nachhinein dachte sie im Grunde genommen genauso, doch sie würde es nicht zugeben.
»Ich habe Nikki immerhin direkt zu Helen Turner gebracht«, betonte sie.
»Ja, und danke sehr«, räumte er ein.
»Das war wirklich ausgezeichnete Arbeit.« Sie stützte das Kinn in die Hände, die Ellbogen auf dem Tisch, und beobachtete den heißen Dampf, der von ihrem Becher aufstieg.
»Ich werde dir nicht wieder in die Quere kommen. Ich werde mein Haus fertig streichen. Dafür habe ich mir schließlich Urlaub genommen. Und dann fahre ich zum Silver Bells und sehe mir den walisischen Schrank an, den die Wirtin mir freundlicherweise angeboten hat.«
»Ich auch nicht«, schloss sich Barney an.
»Doris Pride wird es verhindern!«
»Na, das ist ja sehr ermutigend«, grinste Markby ironisch.
»Ich bin euch beiden selbstverständlich sehr dankbar. Aber die Polizeiarbeit überlässt man trotzdem am besten uns Polizisten. Dafür werden wir schließlich bezahlt.«
»Wir haben verstanden.« Meredith nippte vorsichtig an ihrer heißen Schokolade.
»Aber bevor ich irgendetwas anderes anfange, muss ich Adeline Conway besuchen. Sie hat mich eingeladen, und ich habe ihr versprochen zu kommen. Sie ist sehr einsam.«
»Das wird nicht so einfach sein«, sagte Markby.
»Besonders angesichts der jüngsten Entwicklungen.« Barney schlürfte lautstark Kakao aus seinem Becher und sagte rätselhaft:
»Man kann nie wissen, was die, die so ’ne Macke in den Genen haben, als Nächstes anfangen. Sie sollten wirklich auf sich aufpassen, Meredith.«
»Adeline ist sehr schwach. Ich glaube nicht, dass sie etwas anstellen könnte.«
»Darauf würde ich kein Geld wetten.« Als Barney den überraschten Blick der beiden anderen bemerkte, klapperte er mit dem Löffel in seinem Becher und fuhr ein wenig zaghaft fort:
»Nein, keine Sorge, Markby. Ich mische mich nicht wieder ein. Es ist nur ein Gerücht, und normalerweise höre ich nicht auf das, was Frauen so erzählen. Nicht einmal Doris Pride. Aber sie hat etwas erwähnt, das mir irgendwie nicht aus dem Kopf will.«
»Barney!«, sagte Alan Markby scharf.
»Wenn Sie irgendetwas gehört haben, das für die Ermittlungen wichtig ist, dann heraus damit!«
»Ich weiß nicht, ob es wichtig ist! Wahrscheinlich nicht. Bestimmt nicht sogar. Trotzdem, eine von Doris’ guten Freundinnen – Sie kennen sie, Markby. Sie heißt Rissington, und sie hat die Leiche der jungen Lynne Wills gefunden. Na ja, als Mrs. Rissington jung war, ist sie an TB erkrankt. Seither hat sie Probleme mit den Lungen. Wenn man sie so ansieht, würde man’s nicht glauben. Aber sie muss in regelmäßigen Abständen geröntgt werden, unten im Cottage Hospital. Die Röntgenabteilung hat ein gemeinsames Wartezimmer mit der Ambulanz. Vor ein paar Tagen jedenfalls, spät nachmittags, sitzt die gute Rissington in diesem Wartezimmer und wartet auf die Röntgenaufnahme, als wer hereingetorkelt kommt? Niemand anderes als die reizende Sekretärin von Mr. Conway, gestützt von zwei äußerst hilfsbereiten Sanitätern!«
»Maria!«, rief Markby.
»Wann war das?«
»Montag, schätz ich. Vielleicht sollten Sie die Rissington fragen. Die gute Maria hat nicht so schick ausgesehen wie sonst immer. Sie hatte ’ne Beule so groß wie ein Tennisball an der Schläfe, die in hübschem Blau und Grün geleuchtet hat, und sie fluchte auf eine Weise, wie die gute Rissington es nicht mehr gehört hat, seit ihr Vater, der Admiral, gestorben ist. Maria erzählte jedem, der es hören wollte, sie sei gestürzt und hätte sich den Kopf an einem Aktenschrank aufgeschlagen. Der Gipfel von allem war wohl, dass sie vor allen anderen zum Röntgen an die Reihe gekommen ist, weil die Ärzte befürchteten, sie könnte sich den Schädel angeknackst haben. Offensichtlich war das nicht der Fall, denn sie kam wieder raus, mit einem dicken Pflaster auf der Schläfe und immer noch fluchend wie ein Rohrspatz. Ich erzähl das nur unter Vorbehalt, weil ich nicht weiß, was ich davon halten soll, und weil Meredith hier nach Park House fahren will. Passen Sie lieber auf sich auf, meine Liebe, für den Fall, dass Adeline Schaum vor den Mund kriegt, das ist alles.«
»Ich fürchte die Atmosphäre in diesem Haus, nicht die arme Adeline oder das, was sie anrichten könnte«, sagte Meredith.
»Das Haus wirkte vorher schon bedrückend, aber jetzt, da die Wahrheit über Katie bekannt ist. Na ja, wenigstens Matthew und Prue wissen es. Sie werden es Adeline bestimmt nicht erzählen. Sie können nicht! Die arme kleine Katie. Wie unglücklich sie in diesem Haus gewesen sein muss! Kein Wunder, dass sie letztes Jahr über die Stränge geschlagen ist!«
»Turner hat versucht, mit Adeline Conway zu reden, angesichts dessen, was du uns erzählt hast.« Markby schob seinen Becher resigniert von sich.
»Ein hoffnungsloser Fall. Adeline ist mit Pillen vollgestopft und weiß nicht einmal die Tageszeit, geschweige denn, was vorgefallen ist.«
»Das weiß ich allerdings auch nicht!«, protestierte Barney klagend.
»Wovon reden Sie? Kommen Sie, Markby, ich hab Ihnen ja auch gesagt, was ich weiß! Was war letztes Jahr mit der kleinen Katie? Warum hat sie den anderen Mädchen den Schlüssel zum Mausoleum überlassen? Wollte sie denn nicht wissen, wofür die ihn brauchten?« Meredith sah Markby an.
»Irgendwann letztes Jahr muss Katie wohl beschlossen haben zu rebellieren. Sie beendete ihre Freundschaft mit dem jungen Josh und ging auch nicht mehr in den Jugendclub. Sie hat sich absichtlich mit den ungeeignetsten Freundinnen eingelassen, die sie finden konnte, und das waren, wie sich herausgestellt hat, Lynne Wills und Nikki Arnold. Sie schleppten Katie mit in Pubs, obwohl sie bis dahin noch nie einen Fuß in derartige Läden gesetzt hatte. Sie brachten ihr bei, zu trinken und mit Drogen zu experimentieren, und schließlich lehrten sie Katie sogar das älteste Gewerbe der Welt!«
»Katie?«, rief Barney aus.
»Ich hab sie nie im Silver Bells …« Er brach ab.
»Warten Sie … letztes Jahr hab ich eine ganze Weile mit diesen verdammten Wehwehchen im Bett gelegen. Ich bin fast zwei Monate nicht im Pub oder sonst wo gewesen. Doris hat für mich eingekauft. Gute Frau, diese Doris. Aber ich konnte sie nicht dazu überreden, mir Bier mitzubringen. Das muss dann wohl die Zeit gewesen sein, als Katie mit den beiden anderen herumgezogen ist.«
»Und wenn Sie in dieser Zeit unter die Leute hätten gehen können und Katie im Pub gesehen hätten, was hätten Sie getan, Barney?«, fragte Markby. Barney blickte verwirrt drein.
»Ich weiß es nicht. Sie wollen wissen, ob ich jemandem etwas davon gesagt hätte? Den Conways oder Ihren Jungs in Blau? Ich will ehrlich sein – ich wäre schockiert gewesen, doch ich hätte den Mund gehalten. Ich mag es nicht, wenn andere auf mich aufmerksam werden, und die Conways hätten einen Heidenwirbel veranstaltet!« Er seufzte.
»Immer noch besser als das, was jetzt passiert ist. Aber so sind wir, nicht wahr? Wir wollen keine Scherereien, insbesondere nicht für uns selbst.«
»Terry Reeves und seine Frau Daphne haben genauso gedacht«, sagte Meredith.
»Jedenfalls steht fest, dass Katie Conway diese entscheidenden paar Wochen mit Nikki Arnold und Lynne Wills herumgezogen ist. Ihren Eltern hat sie vorgelogen, dass sie bei einer Freundin aus der Konventschule oder im Jugendclub war. Sie hat es sicher nicht wegen des Geldes getan noch wegen des Nervenkitzels. Sie hat es getan, weil es das Schlimmste war, das sie sich vorstellen konnte. Sie wollte ihre Eltern bestrafen, aber in Wirklichkeit hat sie nur sich selbst bestraft.« Sie schwiegen. Dann sagte Markby:
»Ich begreife nicht, warum niemand in Park House gemerkt hat, dass etwas nicht stimmte! Man erwartet von einer Frau wie Adeline Conway vielleicht nicht, dass sie alles registriert, was um sie herum vorgeht, aber Matthew oder Prue Wilcox hätten Verdacht schöpfen müssen!«
»Prue ist vollauf mit Adeline beschäftigt, und Matthew hat seine eigenen Probleme«, sagte Meredith bestimmt.
»Katies Eltern haben ihr geglaubt, dass sie im Jugendclub oder bei einer Freundin ist. Sie haben es nicht nachgeprüft. Warum hätten sie es auch tun sollen? Darin liegt ja gerade die Ironie, dass Katie immer zuverlässig und ehrlich zu ihren Eltern gewesen ist, und sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich daran etwas geändert haben sollte. Sie wären nie auf den Gedanken gekommen, dass ihre Tochter sie belügen könnte.«
»Sie sah immer so unverdorben und unschuldig aus«, sagte Barney traurig.
»Sie war ein anständiges Kind, und sie besaß genug Verstand, um zu erkennen, auf was sie sich da eingelassen hatte. Deswegen brach sie den Kontakt mit Lynne und Nikki ab und kehrte zu Josh und in den Jugendclub zurück. Aber es ist schwieriger, sich von schlechter Gesellschaft zu trennen, als in sie hineinzugeraten. Und genau an dieser Stelle kommt der wenig liebenswerte Dom Harris ins Spiel.«
»Er bestreitet jegliche Beteiligung«, sagte Markby düster.
»Und wir können ihm nicht das Gegenteil beweisen. Sein Wort steht gegen das Nikkis. Dom ist ein leidenschaftlicher Freund von Horrorvideos und allen möglichen nekrophilen Spielereien. Die Wohnung ist vollgestopft mit Videos. Der elektronische Kram wurde legal gekauft und bezahlt. Wir haben es überprüft. Die Mutter arbeitet sich den Rücken krumm, um die Familie mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, und Dom gibt sein ganzes Geld für jeden Schnickschnack aus, der ihm gerade in den Sinn kommt. Der Vater ist längst verschwunden. Dom ist außerdem der einzige Freier, den Nikki bisher namentlich genannt hat, und das auch nur, weil sie ihm die Schuld dafür in die Schuhe schieben will, dass sie das Devaux-Mausoleum für ihre Tête-à-têtes benutzt haben.«
»Er war einmal dort draußen beim Mausoleum, als er mit dem Reinigen der Büros fertig war. Das alte Gemäuer muss ihn fasziniert haben, und ihm kam die Idee, es als nächtliches Liebesnest zu nutzen«, erklärte Meredith.
»Die beiden Mädchen waren begeistert. Nikkis Mutter hat sicherlich auch ein paar alte Geschichten über das Mausoleum beigetragen. Sie beschlossen, mit ihren Freiern dorthin zu gehen. Den Schlüssel zu bekommen, war ganz leicht. Lynne war eine geborene Erpresserin. Sie drohte Katie, ihren Eltern alles zu erzählen, was sie in der kurzen Zeit unter dem Einfluss der beiden Mädchen angestellt hatte, wenn sie ihnen den Schlüssel nicht besorgte. Katie bestand darauf, dass sie den Schlüssel zurückbrachten, weil sie Angst hatte, Prue könnte sein Fehlen bemerken. Doch niemand kam auf den Gedanken, das Mausoleum zu überprüfen. Nachdem die Tür aufgeschlossen worden war, blieb sie unverschlossen. Und dann wurde Lynne dort umgebracht … womit wir wieder bei den Geräuschen wären, die Sie gehört haben, Barney. Sie haben sich erschreckt, aber wenn Sie nicht dort gewesen wären und die Geräusche nicht gehört oder das Licht nicht gesehen hätten …«
»Ich schätze«, sagte Barney düster,
»Garton scheidet als Katies Mörder aus, oder? Er hat Lynne umgebracht. Kann er Katie denn nicht auch ermordet haben?« Barney setzte sich ruckhaft auf.
»Ich hab’s! Er hat Katie allein auf der Landstraße gesehen und angehalten, in dem Glauben, dass sie immer noch vom ›Gewerbe‹ sei. Sie hat ihm gesagt, dass sie damit aufgehört hätte, doch er wollte ihr nicht glauben. Er verlor genauso die Geduld wie bei der jungen Lynne, es kam zum Streit, und er hat sie umgebracht! So war es. So muss es gewesen sein!« Markby starrte ihn nachdenklich an.
»Es wäre wirklich sehr bequem, und Norris wäre höchst erfreut, Barney. Aber ich fürchte, Garton kommt als Täter nicht infrage.«
»Warum denn nicht?«, fragte Barney starrköpfig.
»In meinen Ohren klingt es höchst einleuchtend.«
»Weil Garton ein Alibi für den Tag hat, an dem Katie ermordet wurde.«
»O Mist«, sagte Barney untröstlich.
»Und Sie sind ganz sicher?«
»Absolut sicher. Er war auf einer Geschäftsreise in Nottingham. Er ist um acht Uhr morgens losgefahren und erst um zehn Uhr abends zurückgekehrt. Er hat Tankquittungen, Namen von Geschäftspartnern, mit denen er sich in Nottingham getroffen hat, und eine Quittung des Rasthofs, wo er auf dem Heimweg gegessen hat. Auf dem Kassenbon steht die Uhrzeit. Nein, Garton hat Katie nicht ermordet.«
»Aber jemand hat es getan«, sagte Meredith. Barney stellte seinen Becher mit heißer Schokolade ab und sagte ernst:
»Sie wissen, dass ich es nicht war, Markby?« Markby und Meredith starrten ihn an, er verblüfft und sie erstaunt.
»Ich meine, ich weiß, dass ich sie gefunden hab und alles, aber ich hätte bis zu diesem Augenblick nicht gedacht, dass Sie mich verdächtigen könnten.«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich das tue«, entgegnete Markby.
»Ja, trotzdem«, sagte Barney aufgeregt.
»Sie haben verdammt noch mal auch nie gesagt, dass Sie es nicht tun.« In der Nacht regnete es in Strömen. Als Matthew Conway zum Frühstück nach unten kam – er frühstückte stets mit Prue in der Küche –, fand er einen morgendlichen Besucher vor. Mutchings saß verlegen auf einem Holzstuhl und umklammerte mit seinen knorrigen Händen einen Becher Tee. Er hatte die Stiefel unter dem Vordach gelassen, und seine großen Plattfüße in den derben Socken sahen auf dem gefliesten Steinboden aus wie zwei Flundern, zumal er die Hacken zusammengepresst und die Zehen nach beiden Seiten ausgestreckt hatte. Das nasse Haar klebte an seinem Kopf, und in seinen Augen unter der flachen Stirn spiegelte sich Unsicherheit angesichts der ungewohnten Umgebung. In der warmen Küche stieg von seiner Kleidung ein wilder, animalischer Geruch auf. Er sprang auf, als Matthew hereinkam.
»Guten Morgen, Sir! Miss Wilcox hat gesagt, ich soll hier warten, bis Sie kommen!« Vom Ofen her, wo sie Eier mit Speck zubereitete, rief Prue:
»Mutchings ist gekommen, um ein paar Sturmschäden zu melden!«
»Berichten Sie, während ich esse«, sagte Conway, während er sich auf seinen gewohnten Platz setzte und ein wenig von seinem Schweinehirten abrückte. Prue servierte ihm geschickt das Frühstück, dann wandte sie sich Mutchings zu.
»Sind deine Hände sauber, Winston? Ich hab dir ein Schinkensandwich gemacht.« Sie deutete auf zwei dicke Scheiben Brot.
»Sehr freundlich, Miss Wilcox!« Seine düstere Miene hellte sich auf. Sorgfältig inspizierte er seine nach oben gekehrten Handflächen.
»Meine Hände sind in Ordnung.«
»Nein, sind sie nicht! Geh und wasch sie dir!« Während Mutchings gehorsam zum Spülbecken stampfte, warf Conway seiner Haushälterin einen ärgerlich fragenden Blick zu.
»Er macht sich eben Sorgen«, sagte sie leise.
»Er kam gleich heute Morgen herein, um es Ihnen zu sagen, Matthew. Er hat Probleme, wenn er sich mit Veränderungen konfrontiert sieht.« Sie errötete, als ihr die Bedeutung ihrer Worte bewusst wurde.
»Wer von uns hat die nicht?«, fragte Matthew. Er begann zu essen und dachte: Hier sitze ich, stopfe Eier und Schinken in mich hinein und höre mir Mutchings’ Unsinn an, als wäre überhaupt nichts passiert. Als wäre Katie … Seine Augen wanderten zu dem leeren Platz, wo früher seine Tochter gesessen und mit ihm zusammen gefrühstückt hatte. Prue bemerkte den Blick.
»Ich denke nicht, dass Mutchings lange brauchen wird, Sir«, sagte sie laut.
»O nein, Sir!«, rief Mutchings undeutlich mit einem Mund voller Schinkensandwich.
»Den Schweinen ist nix passiert. Ich hab die kleinen Mistviecher eingesperrt, bis Sie da gewesen sind und sich die Mauer angesehen haben, Sir!«
»Was für eine Mauer?«, schnappte Matthew.
»Drüben bei den Schweineställen, Sir. Der Regen hat die Böschung ausgewaschen, und die Mauer ist umgefallen. Ich hab sie provisorisch abgestützt, aber sie muss repariert werden. Wenn Sie eine Ladung neuer Steine bringen lassen, kann ich die Mauer wieder aufbauen.«
»Ich komme und sehe mir die Sache an, sobald ich mit dem Frühstück fertig bin. Wenn Sie die Lücke blockiert haben, lassen Sie die Schweine lieber wieder raus, sonst fangen sie noch an zu schreien.« Matthew warf Messer und Gabel auf den Teller.
»Reparaturen! Neue Steine! Für was, Prue? Für was nur?« Er blickte sie aus gequälten Augen an. Sie schüttelte den Kopf.
»Ich weiß es nicht, Matthew. Ich weiß es nicht.«
Adeline hatte das Frühstück wie üblich in ihrem Zimmer auf einem Tablett serviert bekommen. Sie pickte nur an ihrem Toast und nippte eine halbe Tasse Tee. Dann stand sie auf, ohne auf Prue zu warten, zog sich an und ging nach unten.
Prue war im Salon und kniete vor der Aschenschublade des Kamins.
»Schon auf den Beinen, Liebes? Ich habe gerade erst das Feuer neu entfacht.« Sie betrachtete ihren Schützling.
»Kann ich Sie für eine Weile alleine lassen? Ich muss dringend nach Bamford und ein paar Einkäufe erledigen. Matthew ist draußen im Park, um eine eingestürzte Mauer zu inspizieren.«
»Aber natürlich, Prue. Ich komme schon zurecht«, sagte Adeline mit klarer, hoher Stimme.
»Das ist schließlich mein Zuhause. Niemand kann mir etwas tun, solange ich hier bleibe.«
»Richtig, Liebes.« Prue biss sich auf die Lippe.
»Es dauert auch nicht lange.« Adeline setzte sich und nahm ihre Stickerei zur Hand. Sie schnitt ein Stück Seide ab und teilte es vorsichtig, bis sie drei Fäden hatte. Sam, der auf seinem morgendlichen Streifzug durch den Park gewesen war, kam herein und setzte sich vor das Feuer, um seine nassen Pfoten zu reinigen. Adeline begann zu sticken, und die Nadel ging mit großem Geschick hinein und hinaus. Es war ein beruhigendes, tröstendes Gefühl, zu beobachten, wie die Arbeit reifte. Die Blumen waren inzwischen fertig, und die grünen Wedel der Blätter zogen sich über das Tuch. Das Feuer im Kamin knisterte munter. Hinein und hinaus ging die Nadel. Sam verdrehte sich, um seinen Rücken zu lecken. Klick. Adeline hob den Kopf, und Sam unterbrach sein Putzen.
»Was haben Sie hier zu suchen?«, fragte Adeline kalt.
»Prue hat mich gebeten, ein Auge auf Sie zu werfen«, antwortete Maria Lewis in der Tür.
»Ich will Sie nicht in meiner Nähe haben!«
»Keine Sorge, Addy, das beruht auf Gegenseitigkeit.« Maria kam nicht weiter in den Salon und behielt eine Hand vorsichtig auf der Klinke.
»Ich wollte nur eben nachsehen, in Ordnung?«
»Ich habe Ihnen gesagt, ich möchte Sie nicht in meiner Nähe haben, und ich will auch nicht, dass Sie ein Auge auf mich werfen! Ich brauche Sie nicht! Gehen Sie! Dies ist immer noch mein Haus!« Adeline legte ihre Stickerei zur Seite und starrte die andere Frau feindselig an. Unvermittelt kicherte sie triumphierend und fügte hinzu:
»Und Sie werden mich niemals von hier vertreiben!« Maria blickte sie verächtlich an.
»Seien Sie sich dessen nicht so sicher, Adeline. Sie erzählen Ihnen längst nicht alles!« Das Misstrauen, das nie allzu ferne lauerte, kehrte mit fast physischer Gewalt zu Adeline zurück.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Sie sind krank, Addy. Deswegen sagen sie Ihnen nicht alles. Beispielsweise, was Dr. Barnes wirklich denkt, was mit Ihnen geschehen sollte. Oder was die Polizei wirklich dort drüben bei diesem grässlichen Mausoleum gemacht hat.« Marias bleiche Augen funkelten.
»Dort wurde nämlich ein junges Mädchen ermordet, Addy.«
»Was für ein Mädchen?« Alles Blut wich aus Adelines Gesicht.
»Nicht Katie. Ein anderes Mädchen. Und es gibt ein paar Dinge über Ihre reizende kleine Tochter, die man Ihnen vorenthalten hat.« Adelines Finger schlossen sich um die Schere.
»Wagen Sie es nicht, von Katie zu sprechen! Sie lügen doch, sobald Sie nur den Mund aufmachen!«
»Falsch, Addy, ganz falsch. Die anderen belügen Sie. Soll ich Ihnen verraten, warum sie lügen?« Maria behielt sorgfältig die Schere im Auge und war offensichtlich bereit, jederzeit die Flucht zu ergreifen, während sie weitersprach:
»Matthew, Prue, der Doktor – alle denken, wenn Sie die Wahrheit erführen, würden Sie endgültig durchdrehen. Aber ich glaube, das haben Sie schon längst getan, Adeline. Sie sind so verrückt, wie man es nur sein kann, und es ist beschlossene Sache, dass die Typen in den weißen Kitteln kommen und Sie holen. Es macht nicht den geringsten Unterschied, ob man Ihnen die Wahrheit erzählt oder nicht.«
»Was für eine Wahrheit?« Adelines Stimme drohte zu brechen. Sie starrte Maria an, die Augen vor blankem Entsetzen geweitet.
»Was für eine Wahrheit?«
»Oh, ich soll Ihnen die Wahrheit erzählen? Ganz wie Sie wünschen. Hier ist sie …« Meredith hatte die halbe Nacht wach gelegen und dem Regen gelauscht, der mit Macht gegen ihre Fenster prasselte, während ihre Gedanken um Adeline Conway kreisten. Am frühen Morgen war sie aufgestanden, um die Schäden in Augenschein zu nehmen, die der Sturm hinterlassen hatte. Äste waren von den Bäumen gefallen und Ziegel von den Dächern. Gullys und Abflussrinnen waren blockiert. Über dem Küchenfenster war die Dachrinne übergeflossen. Meredith borgte sich eine Leiter bei Mrs. Pride und stieg unsicher hinauf, um die Rinne zu reinigen. Sie mochte keine Höhen, sie mochte keine Leitern, und sie hasste die Vorstellung, ihre Hände in eine dunkle, undurchsichtige Brühe zu stecken. Alles Teil der Freuden, die ein Eigenheim mit sich bringt, dachte sie reumütig. Als sie schließlich fertig war, zog sie sich um und fuhr nach Park House. Die blasse Sonne schien auf die bröckelnde Fassade des wunderschönen alten Herrensitzes, als sie über das Viehgitter ratterte und langsam über den von Pfützen übersäten Kiesweg fuhr, zwischen den vor Nässe tropfenden Buchsbaumbüschen hindurch. Die feuchten Pfeiler des Säulenvorbaus und der Putz glitzerten im Sonnenschein. Meredith stellte den Motor ab, kletterte aus dem Wagen und stieg bedächtig die Stufen hinauf, die zum Haupteingang führten. Sie waren übersät von abgerissenen Zweigen und Blättern und sehr schlüpfrig. Irgendwo in der Ferne ertönte protestierendes Quieken. Alan hatte ihr die Tamworth-Schweine beschrieben, doch sie war der Herde noch nicht begegnet. Wie es aussah, fand sich vielleicht heute eine Gelegenheit dazu. Es klang, als hätte Mutchings die Tiere soeben aus ihren Ställen gelassen, wo sie des Nachts eingesperrt schliefen. Meredith stellte überrascht fest, dass die Vordertür des Hauses weit offen stand. Sie klopfte vorsichtig an und rief:
»Hallo? Jemand zu Hause?« Als sie keine Antwort bekam, betrat sie die Eingangshalle und rief erneut, lauter diesmal, doch mit dem gleichen Ergebnis. Das Haus schien verlassen. Nach einem Augenblick des Zögerns drückte sie die Klinke der Tür herunter, die zum Salon führte.
»Adeline?« Ein lautes Fauchen antwortete ihr, und ein Blitz aus schwarzem Fell schoss an ihr vorbei wie eine Rakete. Meredith stieß einen Schreckenslaut aus. Der Kater war im Salon eingesperrt gewesen, und nachdem sie ihm die Tür geöffnet hatte, raste er durch die Eingangshalle und zur Haustür hinaus. Unruhe ergriff von ihr Besitz. Wer hatte das Tier eingesperrt? Adeline selbst? Warum? Und wo steckte sie? Meredith blickte sich im Salon um. Jemand hatte aufgeräumt und das Feuer angezündet. Die einzige Unordnung rührte von einem leeren Stickkörbchen her, das auf dem Kaminvorleger lag. Das Feuer knackte und knisterte dumpf und sandte Wolken beißenden Qualms aus, die Meredith die Nase rümpfen ließen. Holzscheite brannten dort jedenfalls nicht. Sie kniete sich vor den Kamin. Irgendetwas war in Streifen geschnitten und ins Feuer geworfen worden. Meredith nahm einen Stocher zur Hand und holte die zerfetzten, halb verkohlten Überreste aus dem Feuer. Das baumelnde Stück Leinen zeigte noch immer purpurne Gänseblümchen mit grünen Blättern. Jäher Schrecken durchzuckte Meredith, als sie die Stickerei wiedererkannte, an der Adeline gearbeitet hatte. Hatte Adeline selbst diesen Akt sinnloser Zerstörung begangen, oder war es jemand anderes gewesen? An der Tür erklang ein Geräusch, und schwere Schritte wurden laut.
»Addy? Bist du da?« Meredith sprang auf und wandte sich um. Vor ihr stand ein völlig verwirrter Matthew Conway.
»Es tut mir Leid, bitte entschuldigen Sie. Ich bin Meredith Mitchell, und ich wollte Adeline besuchen. Die Vordertür stand offen, als ich kam, aber niemand hat geantwortet. Ich öffnete diese Tür hier, und die Katze ist nach draußen geschlüpft. Sie war eingesperrt, und Ihre Frau ist nirgendwo zu sehen.« Matthew hatte den Salon durchquert und stand nun vor Meredith. Seine Enttäuschung war nicht zu übersehen.
»Verdammt, ich dachte, Sie wären Addy. Es tut mir Leid. Ich wollte nicht unhöflich klingen.« Er musterte sie neugierig.
»Was machen Sie da eigentlich?« Meredith wurde bewusst, dass sie noch immer den Stocher hielt.
»Oh. Es gab einen beißenden Gestank, und ich … ich …« Sie schnitt eine Grimasse.
»Beichten erleichtert das Gewissen. Ich war neugierig und habe das hier im Feuer gefunden. Eine Stickerei, wenn ich mich nicht irre.«
»Addys Stickarbeit?« In Conways Stimme schlich sich ein Unterton von Panik. Er ging an Meredith vorbei, nahm das Stickkörbchen auf und schüttelte es. Eine Schere und ein leerer Stickrahmen klapperten auf den Kaminvorleger.
»Verdammt! Was hat sie nun schon wieder angestellt? Sie scheint alles verbrannt zu haben, all ihre Seide!« Er warf das Körbchen zu Boden und sah sich mit wilden Blicken um, bevor er Meredith in einer Mischung aus Ärger und Verzweiflung fixierte.
»Ich habe auch nach ihr gesucht! Ich kann sie nirgendwo finden! Prue musste unbedingt nach Bamford, und ich habe gesagt, dass ich so lange auf Addy achten würde. Aber sie ist uns entwischt. Maria sucht im Obergeschoss nach ihr. Sie sagen, die Eingangstür stand offen? Sagen Sie nicht, Addy ist schon wieder in den Park gerannt! Alles ist nass, und der Boden ist völlig durchweicht!« Er hatte sich umgewandt und war auf dem Weg zur Tür. Seine Bestürzung hatte auch Meredith erfasst und ihre anfängliche Unruhe verstärkt. Sie rannte hinter ihm her. Matthew, dem dies bewusst war, erklärte in abgehackten Sätzen:
»Das sind die Medikamente … Sie ist ganz wirr im Kopf … Sie weiß nicht, was sie tut … Sie ist nicht gefährlich …! Sie ist besessen von diesem Haus, ihrer Familie … und jetzt, seit Katies Tod …« Sie waren durch die Haustür und stiegen mit unvorsichtiger Hast die schlüpfrige Treppe zur Auffahrt hinunter. Meredith rutschte aus und übersprang die beiden letzten Stufen, um nicht hinzufallen.
»Ich gehe in diese Richtung«, erbot sie sich.
»Sie nehmen die andere, und wir treffen uns auf der Rückseite des Hauses!«
»Danke!«, sagte er heiser.
»Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar. Sie hat keinen Grund, Ihnen etwas zu tun. Wenn Sie Addy finden, überreden Sie sie einfach, wieder nach drinnen zu gehen.« Seine Worte gaben Meredith Rätsel auf. Wenn Adeline nicht gefährlich war, warum dann die Andeutung einer derartigen Möglichkeit? Maria Lewis war mit einer großen Platzwunde am Kopf in der Ambulanz gesehen worden. Hatte Barney am Ende Recht? Doch jetzt war nicht die Zeit, Fragen zu stellen. Die beiden wandten sich in entgegengesetzte Richtungen und machten sich auf den Weg um das Haus. Doch bevor sie ihren Plan richtig in die Tat umsetzen konnten, ließ ein Ruf sie erstarren. Meredith blickte sich um. Eine unbeholfene Gestalt, die nur Winston Mutchings sein konnte, kam auf sie zugerannt. Die schweren Stiefel des Schweinehirten platschten über den aufgeweichten Rasen. Er hatte beide Arme hoch über den Kopf erhoben und fuchtelte wild in einem nicht zu entziffernden Code, während sein Gesicht bis ins Groteske verzerrt war.
»Mr. Conway, Sie müssen ganz schnell kommen, Sir! Es sind die Schweine!«
»Ich hab jetzt keine Zeit für die elenden Biester, Mutchings!«, fauchte Conway. Er wollte weiter, doch Mutchings packte ihn am Ärmel und hielt ihn fest.
»Sie müssen kommen, Sir!« Er heulte fast, als er begann, seinen Arbeitgeber mit sich zu zerren.
»’s ist wegen Miss Adeline, Sir, verstehen Sie? Die Schweine haben sie gefunden!«
»O mein Gott!« Matthew rannte los. Entsetzen breitete sich in Meredith aus, als sie den beiden folgte. Mutchings führte sie durch den Park, und sie stolperten in einer unbeholfenen Prozession über das nasse Gras in Richtung des Devaux-Mausoleums, dessen wie Pfefferstreuer geformte Türme aus der Masse der dunklen, tropfenden Bäume ragten. Das Grunzen und Quieken der Schweine war nun ganz nah, und endlich bekam Meredith die Tiere zu Gesicht. Sie drängten sich um die Einzäunung, die den Park vom Mausoleum abtrennte. Sie hatte noch niemals derart aufgeregte Schweine gesehen. Sie rannten hin und her, wühlten den weichen Boden mit den scharfen Vorderfüßen auf, quiekten und schrien und umkreisten die ganze Zeit ununterbrochen etwas, das auf dem Boden lag. Hin und wieder wagte sich eines der Tiere mit gesenkter Schnauze in die Mitte, schubste dieses Etwas an und machte dann, mit wilden Schreien, auf den Hinterbeinen kehrt, um davonzurennen.
»Los, aus dem Weg, ihr Mistviecher!«, brüllte Matthew Conway.
»Mutchings, um Gottes willen, schaffen Sie die verfluchten Biester weg!« Mutchings gab sein Bestes, doch all sein Pfeifen und Rufen nutzte nichts. Die Ferkel ignorierten ihn, rannten zwischen seinen Beinen hindurch wieder zurück und teilten sich auf, wenn er versuchte, sie zusammenzutreiben. Matthew begann, vorbeirennende Ferkel zu packen und zur Seite zu schleudern, doch Mutchings brüllte:
»Passen Sie auf, Sir! Die Ferkel können mächtig gemein zubeißen!« Meredith hatte sich durch das Chaos in die Mitte vorgearbeitet. Vor ihr lag Adeline Conway, nicht mehr als ein erbärmliches Häufchen, direkt neben dem Zaun. Sie lag auf der Seite, den Kopf auf einem Arm, das Gesicht nach oben. Ihre blicklosen Augen starrten nach oben zu den Ästen, von denen die Tropfen wie Tränen auf sie herabfielen. Und doch hatte Meredith das Gefühl, dass Adeline eigenartig friedvoll aussah. Sie wusste nicht, wie lange Adeline schon dort lag. Ihre Kleidung hatte Nässe vom Boden aufgenommen, ihre leichten Hausschuhe waren schmutzüberkrustet und durchweicht, die Knöchel und Unterschenkel mit Erde bespritzt. Der Boden rings um sie herum war ein einziger Morast, zertrampelt von den Hufen der Ferkel und dem Wühlen ihrer neugierigen Schnauzen. Selbst jetzt entwich eines der Tiere Mutchings Obhut und galoppierte herbei, um an Adelines Haar zu schnüffeln.
»Geh weg! Weg von ihr!«, kreischte Matthew. Er packte einen Klumpen Erde und schleuderte ihn nach dem Tier, das entrüstet quiekte und Fersengeld gab. Mutchings hatte einen herabgefallenen Ast gefunden, und indem er ihn heftig schwang, gelang es ihm, die Tiere zu vertreiben. Matthew kauerte über dem Leichnam seiner Frau. Er schob seine Arme unter sie und hob sie sanft und vorsichtig auf. Adelines Kopf fiel nach hinten, der Mund stand weit offen, und ihre Arme hingen schlaff herab. Matthew drückte sie an sich und wiegte sie sanft hin und her.
»Addy … Addy … Addy …«
»Die ist hinüber …« Meredith wirbelte mit einem Aufschrei herum. Mutchings, noch immer mit dem Zweig in der Hand, war an sie herangetreten. Er verdrehte die Augen in Richtung der Bäume und des halb versteckten Mausoleums, bis fast nur noch das Weiße darin zu sehen war.
»Sie haben sie geholt. Die alten Devaux. Sie haben sie mitgenommen. Jetzt ist sie bei ihnen.« KAPITEL 20
»Herzversagen, verursacht durch Stress und Schock«, berichtete Meredith.
»Das sagt jedenfalls der Arzt. Sie war physisch sehr schwach, auch schon vor Katies Tod. Es war einfach alles zu viel für sie.«
»Sie ist aus Kummer gestorben, das ist sie!«, sagte Mrs. Pride entschieden.
»Die arme Seele. Es hat ihr das Herz gebrochen!«
»Es scheint jedenfalls so, als hätte sie einfach aufgegeben. Ihr Verstand war sehr verwirrt. Wir können nur vermuten, warum sie vorher ihre Stickereien zerstört hat. Nur weil sie sie nicht mehr beenden würde? Ich weiß nicht. Vielleicht dachte sie, dass alles vorbei wäre und es keine Zukunft mehr für sie gab. Sie war seit Jahren nicht mehr jenseits des Haupttors, und selbst jetzt, wo sie unbedingt zum Mausoleum wollte, brachte sie es nicht über sich. Also durchquerte sie den Park und ging zu der Stelle, wo sie dem Mausoleum am nächsten sein konnte, ohne die Straße zu überqueren. Sie legte sich in der Nähe ihrer Vorfahren nieder und starb.«
»Kummer«, wiederholte Mrs. Pride.
»Er verdreht den Menschen den Verstand, der Kummer. Sie wollen Miss Adeline und ihre Tochter gemeinsam beerdigen, sagt man, aber nicht in diesem grässlichen Mausoleum. Sie werden wohl noch ein wenig warten müssen, bis sie die Genehmigung erhalten, die kleine Katie zu bestatten. Ich wünschte, die Polizei würde sich ein wenig beeilen und den Kerl finden, der sie umgebracht hat. Sie scheinen sicher zu sein, dass es nicht der Halunke war, der Lynne Wills ermordet hat. Wer auch immer es war, er ist nicht nur für den Tod der kleinen Katie verantwortlich, sondern auch für den von Miss Adeline, und er ist ein verschlagener Teufel!«
»Matthew Conway muss eine schreckliche Zeit durchmachen. Auch wenn das Leben mit Adeline all die Jahre sehr schwer für ihn gewesen ist, tief im Innern hat er sie noch immer sehr geliebt!« Mrs. Pride gab ein ungläubiges Schnauben von sich.
»Sie haben ihn nicht gesehen!«, protestierte Meredith.
»Er war völlig aufgelöst, als wir ihren Leichnam fanden. Er hat sich zu ihr in den Schlamm gekauert und sie in die Arme genommen. Wir konnten ihn nicht dazu bringen, sie loszulassen.« Mrs. Pride beugte sich über die Teekanne.
»Pah! Ein schlechtes Gewissen, weiter nichts!«, erklärte sie.
»Ich bin bestimmt keine hartherzige Frau. Ich glaube immer von jedem das Beste. Aber wenn Matthew Conway wegen des Todes seiner Frau verzweifelt ist, dann nur deswegen, weil er sie die ganzen Jahre so schlecht behandelt hat! Es ist sein Gewissen, das sich rührt, und es wird ihm so leicht keine Ruhe geben!« Überzeugt von ihrem Urteil, nahm sie majestätisch Anne Hathaways Cottage am Henkel und goss sich Tee in die Tasse.
»Geschieht ihm nur recht!« Sie reichte Meredith die Tasse und fuhr fort:
»Und Sie hoffen also, Ihren walisischen Küchenschrank in diesem Pub zu finden?« Meredith benötigte einen Augenblick, um den überraschenden Themenwechsel zu verdauen.
»Ich werde auf jeden Fall hinfahren und mir das Stück ansehen. Nicht, dass ich heute besondere Lust dazu hätte, aber wenn ich zu lange warte, werfen die Reeves ihn vielleicht weg.«
»Sehen Sie sich dieses Ding nur sehr genau an!«, empfahl ihr Mrs. Pride.
»In diesem alten Plunder gibt es jede Menge Holzwürmer! Sicher, Sie wissen genau, was Sie suchen, Liebes, aber ich würde nichts davon in mein Haus lassen! Vergessen Sie nicht, wenn Sie eine Transportmöglichkeit benötigen, mein Neffe Dean hat einen Lieferwagen, und er wird den Schrank sicher gerne für Sie holen.«
Meredith traf am frühen Nachmittag im Silver Bells ein und fand ein überraschendes Chaos vor. Ein Feuerwehrwagen parkte vor dem Pub, und ein Stück weiter die Straße hinauf stand ein Wagen, der seiner Beschriftung zufolge von den Wasserwerken kam. Über dem Bürgersteig lagen Schläuche, die in einer offenen Kellerklappe verschwanden. Überall waren große Wasserlachen. Auf einer Kreidetafel an einem Telegrafenmast entschuldigte sich der Wirt bei seiner Kundschaft, dass das Pub tagsüber geschlossen blieb, und versprach, abends wieder zu öffnen. Was in Anbetracht der Lage ein wenig optimistisch erschien.
Auf der anderen Seite gab es, soweit Meredith sehen konnte, nirgendwo Hinweise auf ein Feuer. Das Strohdach, der wahrscheinlichste Ort für ein derartiges Unglück, war unversehrt. Es roch nicht nach Rauch, und Asche flog ebenfalls nicht umher. Meredith sprach einen der uniformierten Feuerwehrmänner an, der über die Kellerklappe gebeugt stand, die Hände auf den Knien, und in die Dunkelheit unter sich starrte.
»Feuer?«, fragte er und blickte auf.
»Kein Feuer, meine Liebe. Wasser. Der Keller war überflutet. Wir haben ihn ausgepumpt.« Er deutete nach unten.
»Überall sind Fässer herumgeschwommen. Wenn das Bier heute Abend wässrig schmeckt, dann weiß ich wenigstens, warum.«
Es hatte wohl ein Witz sein sollen. Von unten ertönte ein Ruf, und der Kopf eines zweiten Feuerwehrmanns tauchte neben Merediths Füßen auf.
»Du kannst die Schläuche einrollen, Tom«, sagte er.
»Es kommt nichts mehr nach.« Ein Bediensteter der Wasserwerke in gelber Ölhaut erschien.
»Wahrscheinlich ist der Grundwasserspiegel gestiegen. Wir finden jedenfalls kein Leck in den Leitungen. Diese alten Kästen …« Er bedachte das Silver Bells mit einem abschätzigen Blick.
»Sie waren schon immer anfällig gegen starken Regen, insbesondere, wenn sie unterkellert sind.« Meredith ließ die Männer mit ihren beruflichen Überlegungen allein und streckte den Kopf durch die offene Tür des Pubs. Eine zerzauste, gestresste Blondine mit einem Eimer und einem Aufnehmer erschien.
»Wir haben geschlossen! Der Keller ist voll gelaufen! Es war der starke Regen.«
»Es tut mir Leid, dass ich in einem so unpassenden Moment gekommen bin«, entschuldigte sich Meredith.
»Es geht um den alten Küchenschrank …« Das Gesicht der Blondine hellte sich augenblicklich auf.
»Oh, dann sind Sie die Freundin des Chief Inspectors? Der Schrank steht draußen im Schuppen. Gehen Sie nur, und sehen Sie sich ihn an. Es gibt nur diesen einen. Sie können ihn gerne haben, wenn er Ihnen gefällt, aber Sie müssen selbst für eine Transportmöglichkeit sorgen.«
»Das wäre kein Problem«, sagte Meredith.
»Wie viel …?« Die Blonde winkte mit dem Eimer.
»Wir wollen kein Geld. Nehmen Sie ihn einfach mit. Terry würde ihn nur zerschlagen und verbrennen, wenn er dazu käme. Ich persönlich finde ja auch, es ist ein grässliches altes Ding. Ich würde so etwas nicht in meiner Küche haben wollen.« Von irgendwoher bellte eine Männerstimme:
»Daph! Wo zur Hölle bleibst du?«
»Ich muss weitermachen«, sagte Mrs. Reeves.
»Sie sollten diesen Keller sehen! Ein einziges Chaos! Ich hoffe nur, dass die Versicherung dafür aufkommt! Der arme Terry, er ist stinksauer! Das haben wir nun wirklich nicht gebraucht! ’tschuldigen Sie mich, ja?« Sie verschwand. Meredith ging nach draußen. Die Feuerwehrleute standen im Begriff, abzurücken. Die Männer vom Wasserwerk diskutierten über eine Reihe von Farbmarkierungen auf dem Pflaster. Aus dem Keller ertönte ein lautes Krachen von schweren Gegenständen, gefolgt von heftigem Fluchen. Meredith ging zur Rückseite des Hauses, wo sie eine Reihe größerer, aus Stein errichteter Anbauten vorfand. Es sah ganz danach aus, als sei das Silver Bells früher einmal eine Kutschstation gewesen. Sie öffnete eine der schweren Holztüren und spähte hinein. Der alte Schuppen, wie Daphne ihn genannt hatte, war bis unter das Dach mit Gerümpel gefüllt. Auf einer Seite führte eine Holztreppe in ein halbes Obergeschoss im Dachgebälk, auf dem noch mehr Gegenstände lagerten. Die Dinge unten sahen alle aus, als stammten sie von der Renovierung des Pubs. Meredith sah einen alten Kühlschrank, Tische und Stühle, einen massiven, gusseisernen Küchenherd aus viktorianischer Zeit, einen etwas moderneren, nichtsdestotrotz veralteten und fleckigen Gasherd, verschiedene Schränke und Regale sowie den walisischen Küchenschrank. Er stand am Fuß der Treppe. Er war sehr heruntergekommen und verschmutzt, zeigte jedoch keinerlei Spuren des gefürchteten Holzwurms und wirkte auch sonst noch sehr stabil. Meredith zog an den angelaufenen Messinggriffen der Mittelschublade. Der Schrank besaß drei Schubladen in einer Reihe, unter denen – ebenso wie zu beiden Seiten – kleine Fächer angebracht waren. Das ganze Möbel ruhte auf geschwungenen Beinen. Die Schublade klemmte und kam nur zögernd heraus, und Meredith sah, dass es eine Besteckschublade war, ausgeschlagen mit einem fleckigen grünen Bezugstoff. Sie rüttelte an der Schublade. Nun, sie ließ sich bewegen. Mit einiger Anstrengung schob Meredith die Lade daraufhin wieder ganz hinein. Das Problem lag zum Teil in den schlecht sitzenden Unterteilungen für das Besteck begründet, die sie entweder würde ersetzen oder ganz herausnehmen müssen. Sie fuhr mit der Hand über das Holz. Es war warm, glatt wie Seide und von der Berührung zahlloser Finger poliert. Dieses schöne alte Stück war, wenn sie sich nicht gründlich täuschte, wenigstens hundert Jahre alt. Vielleicht sogar noch älter. Wahrscheinlich war es die Arbeit eines einheimischen Schreiners, die ihr ganzes Leben lang in der Küche des Silver Bells gestanden hatte, damals noch ein Rasthof an einer einsamen Landstraße. Und jetzt wollte dieser Terry Reeves den Schrank tatsächlich zerhacken und verbrennen! Meredith war ehrlich schockiert, und dann meldete sich ihr Gewissen. Sie sollte zurückgehen und wenigstens versuchen, Daphne zu erklären, dass das, was sie da so freimütig verschenken wollte, nach der Restauration eine hübsche Summe Geldes wert war. Selbst im gegenwärtigen Zustand würden die Augen eines jeden Antiquitätenhändlers beim Anblick des Schranks zu leuchten anfangen. Doch Terry und Daphne waren viel zu beschäftigt mit der Überschwemmung im Keller und dem daraus resultierenden Verlust an Umsatz, als dass Meredith sie jetzt mit einem in ihren Augen wertlosen Stück Plunder hätte belästigen dürfen. Genauso wenig, wie das Alter des Schranks sie beeindrucken würde, im Gegenteil. So, wie die beiden dachten, sprach gerade das Alter gegen seinen Wert. Andererseits, falls Meredith mit dem Abholen wartete, bis das Geschäft im Silver Bells wieder in seinen gewohnten Bahnen verlief, würde sie vielleicht zurückkehren und feststellen, dass Terry Reeves den Schrank inzwischen den Flammen übergeben hatte. Am sichersten war es, wenn sie ihn so schnell wie möglich abtransportierte und später noch einmal zurückkam, um den Reeves erneut Geld anzubieten. Meredith ging nach Hause und fragte Mrs. Pride, ob Dean so schnell wie möglich zum Silver Bells fahren und den Schrank holen könnte.
»Ich sag ihm, dass er sich sofort auf den Weg macht«, versprach ihr Mrs. Pride.
Sie hielt ihr Wort. Noch am gleichen Abend klingelte es an Merediths Tür. Sie öffnete, und vor ihr stand ein großer junger Mann in Jeans und – trotz des nasskalten Wetters – ärmellosem T-Shirt. Hellblondes Haar reichte ihm bis zu den Schultern, und die nackten Arme waren von Tätowierungen bedeckt.
»Hallo«, sagte er munter.
»Ich hab einen Küchenschrank für Sie.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf einen heruntergekommenen weißen Lieferwagen, der unter der Straßenlaterne geparkt stand. Eine zweite zottige, muskulöse Gestalt stand an den Wagen gelehnt und wartete.
»Einen walisischen Küchenschrank?«, fragte sie aufgeregt, in der Hoffnung, dass er nicht den falschen erwischt hatte.
»Genau. Eines von diesen Dingern mit vier Beinen, Regalen oben und Schubladen unten. Hab ihn im Pub abgeholt, weil Tante Doris gesagt hat, es wäre dringend. Sollen wir ihn reintragen?«
»Oh, bitte! Sie haben, äh, Hilfe?«
»Sicher. Hab meinen Freund dabei.« Deans Freund löste sich vom Wagen. Der Schrank wurde ausgeladen und unter einigen Schwierigkeiten durch Merediths engen Flur in die Küche manövriert. In der Scheune hatte er recht klein ausgesehen. In Merediths winziger Küche wirkte er prächtig groß. Der wenige noch übrige freie Platz wurde von Dean und seinem Freund ausgefüllt, der mit verschränkten Armen dastand und das neue Möbelstück in Augenschein nahm.
»Er muss ein wenig sauber gemacht werden«, sagte Deans Freund, dessen Handgelenke wie die eines römischen Gladiators mit nagelbesetzten Lederbändern verziert waren.
»Diesen ganzen Mist hier müssen Sie runterholen. Und Sie dürfen ihn nicht in der Nähe der Heizung aufstellen, sonst reißt das Holz der Länge nach ein.« Der Bursche wirkte nicht gerade ermutigend!
»Ich werde es mir merken«, versprach Meredith.
»Außerdem habe ich keine Heizung.«
»Ich auch nicht«, sagte Deans Freund Jeremiah.
»Haben Sie den Reeves eigentlich Bescheid gesagt, dass Sie den Schrank holen?«
»Nein. Sie waren unten im Keller zugange. Es gab eine Überschwemmung im Bells«, sagte Dean.
»Ein absolutes Chaos. Wir sind hintenrum gegangen und haben den alten Schrank einfach aufgeladen.«
»Nun, ich denke, das geht in Ordnung …« Sie drückte den beiden ein hübsches Trinkgeld in die gewaltigen Pranken, bedankte sich und begleitete sie hinaus. Wieder zurück in der Küche, wurde ihr klar, dass sie sich auf einiges eingelassen hatte. Der Schrank war von oben bis unten verschmutzt. Jede Oberfläche vom Schmutz und dem angesammelten Fett wenigstens eines Jahrhunderts zu befreien, bedeutete viele Stunden harter Arbeit. Meredith kroch auf dem Boden herum, um sich den Schrank von unten zu besehen, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Schubladen. Die beiden rechts und links glitten leicht hinaus und hinein und ließen sich ohne Probleme öffnen, nur die mittlere klemmte. Sie ruckelte die klemmende Schublade erneut heraus. Es war das Besteckfach für die Messer. Es lag nicht flach auf, und jedes Mal, wenn die Schublade geöffnet wurde, verkantete es sich an der Oberseite. Sie packte das Fach und zog es ganz aus der Lade. Kein Wunder, dass es nicht passte! Irgendjemand hatte einen Stapel Papiere daruntergesteckt. Einen kurzen Augenblick verspürte Meredith den Nervenkitzel, etwas Antikes entdeckt zu haben. Doch dann sah sie, dass die Papiere neu waren, nicht alt. Kein aufregender historischer Fund, sondern ein paar handgeschriebene Zeilen auf liniertem Papier. Sie nahm die Blätter heraus.
»Macbeth ist ein trauriges Stück, und es ist ein alter Aberglaube in Theatern, niemals seinen Namen auszusprechen. Im Theater und unter den Schauspielern heißt es stets ›Die schottische Tragödie‹, und wenn irgendjemand das vergisst und den Namen laut sagt, machen die anderen Schauspieler …« Meredith drehte das Blatt um. Es war ein Schulaufsatz, geschrieben in einer jungen, runden Handschrift. Sie legte die Blätter auf den Küchentisch, und nach einem Augenblick des Überlegens ging sie zur Tür, wo auf der Rückseite noch immer Mrs. Prides alter rosafarbener Overall hing. Sie kramte in den Taschen und zog den Fetzen Papier hervor, auf dem Katie Conway die Telefonnummer und die Anschrift ihrer Eltern notiert hatte. Dann saß sie eine ganze Weile mit Katies Notiz in der Hand am Tisch und starrte auf die beschriebenen Blätter. Es ergab keinen Sinn. Es war unmöglich. Und doch. Irgendwie schien es zu passen. Es passte, wenn sie die Probleme und Schwierigkeiten der Conways beiseite schob und ihren Verstand auf die Probleme und Schwierigkeiten konzentrierte, die andere Menschen hatten.
Kurze Zeit später saßen Markby, Helen Turner und Meredith am Küchentisch und untersuchten die Blätter.
»Sieht tatsächlich aus wie die Hausaufgaben des Mädchens«, sagte Helen Turner. Markby nahm Katies Notiz, die Meredith aus dem rosafarbenen Overall gezogen hatte.
»Wir brauchen einen Handschriftenexperten, der uns ein richtiges Gutachten anfertigt. Vielleicht könnte auch Conway die Schrift seiner Tochter identifizieren, oder ein Lehrer in ihrer Schule. Die Englischlehrerin beispielsweise, die ihr den Aufsatz über Macbeth aufgegeben hat.« Er sah zu Meredith auf.
»Sprich bitte zu niemandem darüber, hörst du? Zu keiner Menschenseele! Wir lassen gleich morgen früh die Handschrift untersuchen.«
»Was hältst du von meiner Theorie?«, erkundigte sich Meredith.
»Ich halte deine Theorie für höchst interessant, aber Theorien gewinnen keine Prozesse vor Gericht.« Er sammelte Katies Blätter ein.
»Du hast deinen Teil beigetragen, Meredith, okay? Versuch nicht, weitere Nachforschungen anzustellen, ich bitte dich!«
»Selbstverständlich nicht!«, sagte sie.
»Ich hab dir doch gesagt, ich will nicht mehr und nicht weniger, als meine Wohnung fertig zu streichen.«
»Sicher, aber ich kenne dich, und ich weiß, dass du den Dingen am liebsten immer selbst auf den Grund gehst! Vor allem fass diesen Küchenschrank nicht mehr an, und sag niemandem etwas von deiner Entdeckung! Es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass niemand etwas hierüber erfährt.« Er winkte mit dem dünnen Blätterstapel.
»Wollten Sie morgen nicht sowieso wieder nach London fahren?«, erkundigte sich Helen, bemüht, die Entrüstung zu dämpfen, die sich auf Merediths Gesicht abzuzeichnen begann.
»Nein, ich habe den Rest der Woche Urlaub«, sagte Meredith.
»Ich wollte so viel erledigen! Jetzt ist morgen schon Freitag, und ich habe noch nichts geschafft!« Unerwartet lächelte Alan sie an.
»Also, ich weiß nicht. In meinen Augen sieht es aus, als hättest du eine ganze Menge geschafft!« Helen sah ihn an, dann Meredith, dann wieder ihren Vorgesetzten.
»Wenn Sie mich jetzt nicht mehr brauchen, dann bringe ich das hier schon aufs Revier.« Sie nahm die Blätter mit dem Schulaufsatz an sich. Als sie gegangen war, saßen Meredith und Markby noch eine Weile schweigend da.
»Ich sollte jetzt vielleicht auch gehen«, sagte er schließlich.
»Morgen wird sicher ein langer Tag.«
»Wirst du ihn verhaften?«, fragte Meredith mit mühsam beherrschter Stimme.
»Das wäre ein wenig voreilig. Der Fund von Katies Schulaufsatz ist ein starkes Indiz, aber noch kein eindeutiger Beweis. Außerdem müssen wir das Ergebnis der Handschriftenanalyse abwarten. Vor allen Dingen möchte ich nicht, dass er in Panik gerät. Wir können uns ziemlich gut ausmalen, was dann geschieht.« Er sah, dass Meredith unwillkürlich erschauerte.
»Unter den gegebenen Umständen wäre es vielleicht besser, wenn du Bamford für einen Tag oder zwei verlässt. Könntest du nicht vielleicht doch nach London fahren?«
»Niemand rechnet mit mir im Büro.«
»Spielt das eine Rolle? Könntest du nicht trotzdem arbeiten? Oder vielleicht einkaufen gehen? Ich sähe es wirklich lieber, wenn du nicht in Bamford wärst.« Ihre braunen Augen hielten seinem Blick mit unbehaglicher Direktheit stand.
»Spricht jetzt nur der Polizist in dir?«
»Sagen wir es so – es wäre eine Sache weniger, um die ich mir den Kopf zerbrechen müsste.«
»Ich habe dir wiederholt gesagt, dass ich mich nicht einmischen werde! Du musst dir wegen mir nicht den Kopf zerbrechen!«
»Aber ich tue es, ob ich nun will oder nicht!«
»Dann lass es.« Sie stieß die Worte schärfer als beabsichtigt aus, und das Schweigen, das daraufhin folgte, war noch bedeutungsschwerer als das vorangegangene.
»Das ist ein alter Streit, oder nicht?«, sagte Markby schließlich.
»Und wir fangen ihn schon wieder von vorne an! Muss das sein?«
»Ich fange überhaupt nichts von vorne an!«
»Ich will dich heiraten.«
»Ich weiß. Ich habe es dir schon einmal erklärt – ich fühle mich sehr geehrt, und das ist nicht einfach so dahingesagt. Ich meine es ehrlich. Aber ich denke, wir sollten es so lassen, wie es ist.« Sie bemerkte, wie sich die Muskeln um seinen Mund verhärteten.
»Es tut mir Leid, Alan, aber so fühle ich nun einmal!«
»Ja, das hast du deutlich genug zum Ausdruck gebracht!« Er war zornig geworden. Es war nicht die laute, aufgeregte Art von Zorn, sondern eher die leise. Es war der Zorn, den man in sich hineinfraß und der stets so viel schwerer zu zerstreuen oder einzudämmen war. Sie wollte ihm erneut sagen, dass es ihr Leid tat, weil es tatsächlich so war, doch sie spürte, dass sie es nicht sagen durfte. In diesem Augenblick hätte sie die Dinge nur noch schlimmer gemacht. Meredith sah zu, wie Markby Anstalten machte, zu gehen. Während er sich in seinen Mantel warf, sagte er:
»Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe. Geh weg aus Bamford, nur für den morgigen Tag! Das ist ein offizieller Rat der Polizei. Du musst ihn nicht befolgen, nur weil ich es gesagt habe. Aber es wird eine heikle Operation, und ich möchte keine unnötigen Komplikationen.« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern ließ sich selbst aus dem Haus. Hinter ihm schloss sich die Tür mit einem sehr endgültig klingenden Geräusch. Meredith sperrte ab für die Nacht. Draußen ging ein kräftiger Wind, doch es sah nicht nach weiterem Regen aus. Sie kehrte in die Küche zurück und betrachtete den Schrank. Alan hatte gesagt, dass sie ihn nicht mehr anfassen sollte, doch sie nahm das Messerfach und setzte es in die Lade zurück, um sie anschließend zuzuschieben. Trotz aller frisch gestrichenen Gemütlichkeit schien ihre Küche, ja, ihr ganzes kleines Haus von einer unerwünschten Leere erfüllt. Vielleicht wäre es tatsächlich das Beste, wenn sie tat, was Alan ihr vorgeschlagen hatte, und am nächsten Morgen nach London fuhr. Sie war schließlich in mehr als einer Hinsicht unabhängig. Aber so hatte sie es im Grunde genommen doch stets gewollt, oder nicht? KAPITEL 21
»Ich hab es ehrlich versucht!«, sagte sie Alan hinterher, und ihre Worte entsprachen der Wahrheit. Sie versuchte es wirklich. Meredith stand früh am nächsten Morgen auf und ging zum Bahnhof, um den Zug nach London zu besteigen. Es tat ihr Leid um den verlorenen freien Tag, doch sie tröstete sich damit, dass es schließlich einem guten Zweck diente. Und genau von diesem Augenblick an liefen die Dinge schief. Sie stellte fest, dass sowohl der Wartesaal als auch der Bahnsteig merkwürdig leer und verlassen waren. Wo steckten die üblichen Pendler mit ihren ausdruckslosen Gesichtern und der schlechten Laune, die kleinen Gruppen oder diejenigen, die jeder Gesellschaft aus dem Weg gingen, mit ihren Aktentaschen und den Zeitungen unterm Arm? Merediths Mut sank. Wie es aussah, würde es wieder einmal einer von diesen Tagen werden.
»Ein Erdrutsch«, sagte der Beamte am Schalter.
»Es ist nicht die Schuld der Eisenbahn. Es war der ganze Regen der letzten Zeit. Eine Meile von hier sind die Gleise von einer Schlammlawine blockiert. Die Anlage ist nicht mehr sicher, aber unsere Ingenieure und Techniker arbeiten bereits daran.«
»Und wie komme ich jetzt nach London?«
»Vom nächsten Bahnhof aus, Ma’am, Abbots Weston. Ab dort sind die Gleise wieder in Ordnung.«
»Nach Abbots Weston dauert es mit dem Zug normalerweise zwanzig Minuten! Wie komme ich dorthin?«
»Mit einem eigens eingesetzten kostenlosen Bus, Ma’am. Die Eisenbahn hat ihn gechartert, um ihre Passagiere von Bamford nach Abbots Weston zu bringen.« Meredith sah nach draußen auf den verlassenen Vorplatz.
»Und wo finde ich diesen Bus?«
»Oh, er ist vor zehn Minuten abgefahren, Ma’am. Wir haben eine Durchsage im örtlichen Rundfunk veranlasst und den Fahrgästen auf diese Weise mitgeteilt, um welche Zeit sie am Bahnhof sein sollen. Der Fahrer braucht im morgendlichen Berufsverkehr eine Weile, um nach Abbots Weston zu kommen. Also ist er etwas früher abgefahren, sodass die Passagiere rechtzeitig Anschluss finden.«
»Ich habe aber heute Morgen kein Radio gehört.«
»Das ist dumm«, sagte der Schalterbeamte.
»Ein weiterer Bus geht um zwanzig vor elf, und schätzungsweise ab acht Uhr heute Abend wird der normale Zugverkehr wieder aufgenommen. Falls es weitere Probleme gibt, kann es auch noch bis morgen dauern.«
»Danke sehr«, sagte Meredith und meinte:
»Vergessen Sie’s!« Sie kehrte unverrichteter Dinge nach Hause zurück und kaufte unterwegs eine Zeitung und eine Packung Biskuits. Wenn sie schon
»auf einen Rat der Polizei« hin, den Tag nicht zu Hause verbringen sollte, dann konnte sie jetzt nur noch den Wagen nehmen, sich irgendeinen Flecken auf der Landkarte aussuchen, der einigermaßen interessant erschien, und dort hinfahren. Sie hatte die Wagenschlüssel in der Handtasche, also öffnete sie die Garage und setzte den Wagen auf die Straße, bevor sie ins Haus ging, um ihr Stadtkostüm auszuziehen. Sie ließ Handtasche, Zeitung und die Schlüssel auf das Telefontischchen im Hausflur fallen und hängte ihren Regenmantel an die Garderobe. Es war in diesem Augenblick, als sie auf die Treppe nach oben wollte, dass sie ein Geräusch hörte. Es kam aus der Küche, durch die geschlossene Tür auf der anderen Seite des Hausflurs. Es klang, als wäre etwas heruntergefallen. Meredith erstarrte. Es gab eine Reihe logischer Erklärungen. Über dem Spülbecken beispielsweise hatte sie ein paar Küchengeräte an Haken aufgehängt, die mit Plastiksaugnäpfen an den Wandfliesen klebten. Von Zeit zu Zeit löste sich einer der Saugnäpfe und nahm einen Suppenlöffel oder eine Kelle mit, die dann mit lautem Geklapper im Spülbecken landete. Oder es war Alan, der einen Schlüssel zu ihrem Haus besaß und beschlossen hatte, herzukommen und den walisischen Küchenschrank noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Oder Mrs. Pride, die für Notfälle einen Schlüssel zur Hintertür hatte und häufig sperrige Postsendungen in ihrer Küche hinterlegte, die nicht durch den Briefkastenschlitz passten und vom Postboten während Merediths Abwesenheit bei der Nachbarin abgegeben wurden. Meredith blickte auf ihre Armbanduhr. Sie war vor kaum einer dreiviertel Stunde aus dem Haus gegangen, und es schien unwahrscheinlich, dass ein Einbrecher sich in der Zwischenzeit Zugang verschafft hatte. Bei genauerer Betrachtung war ein abgefallener Saughaken die wahrscheinlichste Erklärung. Das Dumme war nur, seit der gestrigen Entdeckung waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt, und Alans Instruktionen trugen auch nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei. Vorsichtig drückte Meredith die Klinke der Küchentür herunter. Die Angeln knarrten, was ihr noch nie zuvor so stark aufgefallen war. Wenn jemand dort drin war, dann konnte er es unmöglich überhört haben. Aber natürlich ist niemand in meiner Küche, dachte sie resolut, während sie die Tür ganz aufstieß. Sie hatte sich geirrt. Terry Reeves stand neben dem walisischen Küchenschrank und starrte sie kampflustig an. Hinter ihm klapperte die Hintertür, sperrangelweit geöffnet, im kühlen Wind.
»Was machen Sie denn hier?«, fragte er, als sei sie hier nicht zu Hause.
»Sie müssten doch in der Eisenbahn sitzen oder auf der Arbeit! Ich hab selbst gesehen, wie Sie weggegangen sind!«
»Der Regen hat einen Erdrutsch verursacht, und die Strecke von Bamford nach Abbots Weston ist gesperrt«, sagte Meredith.
»Und ich habe den Anschlussbus verpasst.«
»Verdammter Regen!«, schimpfte Reeves.
»Hat eine Menge Unheil in meinem Keller angerichtet!« Die Konversation drohte ins Surreale abzugleiten. Meredith brachte sie auf logische Bahnen zurück.
»Ich bin hier, weil dies mein Haus ist. Was machen Sie hier? Wie sind Sie überhaupt reingekommen?« Reeves deutete mit dem Kopf auf die offene Hintertür.
»Kein Problem, die aufzumachen. Sie sollten sich ein vernünftiges Sicherheitsschloss einbauen lassen. Jeder Amateur kommt da rein!«
»Sie sind offensichtlich kein Amateur«, sagte Meredith in einem weiteren Versuch, einer Szene zu entrinnen, die zunehmend die Züge eines Bunuel-Films annahm. Reeves zögerte.
»Nein«, sagte er in verändertem Tonfall.
»Nein, das bin ich nicht. Da haben Sie ganz Recht, meine Liebe.« Die Anrede war Beleidigung und Herausforderung zugleich. Sie war absolut nicht surreal. Die Situation war real, und sie war verdammt gefährlich. Meredith fragte mit – wie sie hoffte – gleichmütiger Stimme:
»Was also wollen Sie?« Nur keine Panik, sagte sie sich. Bleib ruhig und hoffe darauf, dass er ebenfalls ruhig bleibt! Mit ein wenig Glück reitet er sich nicht noch tiefer in Schwierigkeiten, als er sie ohnehin schon hat. Reeves schien in den gleichen Bahnen zu denken. Er nahm sich Zeit, bevor er antwortete, und fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe. Er warf einen Seitenblick auf den Schrank.
»Ich wusste nicht, dass Daph Ihnen den hier vermachen wollte. Ich hab gestern Abend einen ziemlichen Schock bekommen, als ich in den Schuppen gegangen bin und gesehen hab, dass er weg ist.«
»Ich hatte Ihrer Frau Geld dafür angeboten. Möchten Sie ihn, äh, zurückhaben?«
»Was denn, diesen Schrott?«, entgegnete Reeves verdrossen.
»Natürlich nicht! Ich glaube nicht, dass irgendjemand sich diesen wertlosen alten Müll freiwillig in die Küche stellen würde!«
»Offen gestanden, er ist nicht so wertlos, wie Sie glauben. Ich zahle Ihnen gerne einen angemessenen Preis. Dieses Stück ist sehr alt.« Die Dinge drohten erneut in Bunuel-Gefilde zu entgleiten.
»Ja. Wie ich sagte, alter Plunder! Ein Haufen Mist! Wofür brauchen Sie dieses Ding?« Seine Stimme steigerte sich beinahe zu einer Anklage.
»Ich wollte einen antiken Küchenschrank. Ich habe überall danach gesucht, und es war sehr freundlich von Ihrer Frau, mir diesen hier anzubieten.« Sie konnte fast sehen, wie Reeves’ Gehirn arbeitete. Seine gefurchte Stirn ließ die Augenbrauen über der flachen Nase zusammenstoßen. Meredith fragte sich, ob Reeves früher einmal geboxt hatte.
»Ich bin vorbeigekommen«, sagte Reeves vorsichtig,
»weil ich etwas in der oberen Schublade vergessen hatte. Sie waren nicht zu Hause, und ich wollte Sie später nicht noch einmal damit belästigen, also hab ich mich selbst reingelassen.« Er blickte Meredith direkt in die Augen. Der Untertext war nicht zu überhören. Er erwartete nicht einen Augenblick, dass sie ihm seine lächerliche Geschichte abkaufte. Er hatte bereits eingeräumt, dass er mit seinem Einbruch gewartet hatte, bis sie aus dem Haus war. Doch er bot ihr und sich selbst einen Ausweg aus einer Situation an, in der keiner von beiden sein wollte, einen Handel. Lass mich vom Haken, akzeptiere meine Geschichte, sagte er, und dir passiert nichts! Er beobachtete sie aus tiefliegenden kleinen Augen und wartete ab, ob sie verstand und ob sie das Spiel mitspielte. Meredith war im Prinzip nur allzu bereit, den absurden Kompromiss einzugehen. Unglücklicherweise für sie beide gab es nur ein kleines Problem. Das, wonach Reeves suchte, befand sich nicht mehr in Merediths Wohnung.
»Ich verstehe«, erwiderte sie im gleichen vorsichtigen Ton, den auch er benutzt hatte.
»Ich verstehe sogar sehr gut. Aber falls Sie nach dem Stapel alter Papiere unter dem Messerkasten suchen – den habe ich rausgenommen und weggeworfen. Die Papiere haben die Schublade verklemmt.« Reeves atmete zischend ein. Seine winzigen Augen blickten hart wie Granit.
»Und wohin haben Sie die Papiere getan?«
»Nun ja, ehrlich gestanden, habe ich sie nicht weggeworfen, sondern verbrannt. Gestern Abend auf dem Hof, zusammen mit einer Menge alter Papiere, wissen Sie? Ich habe ein wenig ausgemistet und die … die Papiere aus dem Schrank einfach zu den anderen ins Feuer geworfen.«
»Ich glaube Ihnen kein Wort«, sagte Reeves leise.
»Also schön.« Eigenartigerweise verspürte Meredith so etwas wie Erleichterung. Die Anspannung des surrealen Dialogs war zu groß, um weiter aufrecht erhalten zu werden.
»Die Polizei hat sie.«
»Du dämliches Miststück!«, brüllte Reeves sie wutentbrannt an. Er trat seitwärts weg von dem Möbelstück, das nun für ihn uninteressant geworden war. Die Bewegung brachte ihn in die Nähe von Merediths Gasherd. Genau an dieser Stelle hatte Katie gestanden, als sie für Meredith und sich Kaffee gekocht hatte. Das Bild stieg unwillkürlich vor Merediths geistigem Auge auf. Sie sah Katie ganz deutlich vor sich, in dem zu großen Pullover und Mrs. Prides pinkfarbenem Overall, mit der gelben Farbe auf der Nase und der Stirn. Katie lächelte Meredith in schockierender Deutlichkeit zu und hielt ihr die Tasse hin, dann verblasste das Bild genauso abrupt wieder, wie es gekommen war.
»Warum nur!«, platzte Meredith heraus.
»Warum Katie? Was hat das arme Kind Ihnen getan?« Ihre Vehemenz überraschte Reeves.
»Es war nicht meine Schuld!«, murmelte er und brüllte dann mit heiserer Stimme:
»Getan? Wissen Sie eigentlich, was diese elenden kleinen Schlampen in meinem Pub getrieben haben? Wissen Sie, wie hart Daphne und ich für dieses Pub geschuftet haben? Haben Sie eine Vorstellung, was es bedeutet, wenn die Polizei in Ihrem Laden herumschnüffelt und den Gästen Bilder von Leichen zeigt und jeden fragt, ob er etwas gesehen hat? Wir stehen vor dem Ruin!«
»Ja, ich weiß sehr genau, was es bedeutet. Ich weiß auch, was die Mädchen gemacht haben. Aber Katie war seit einem Jahr nicht mehr in Ihrem Laden!«
»Was spielt das für eine Rolle?«, entgegnete Reeves finster.
»Ihr Polizistenfreund ist zu uns gekommen und hat Daph und mir die Ohren vollgequatscht, weil wir nichts gegen das Treiben dieser Schlampen in unserem Pub unternommen haben. Ich hab ihm gesagt, ich wollte keine Scherereien, aber er hat mich nicht einmal ausreden lassen! Verdammte Bullen! Und als er wieder weg war, hat Daph mir die Ohren vollgejammert! Sie hat überhaupt nicht mehr aufgehört! ›Ich hab’s dir gleich gesagt! Wir hätten direkt die Polizei verständigen sollen!‹« Seine Stimme beruhigte sich wieder, und er fuhr in seinem normalen missmutigen Tonfall fort:
»Das hätte ich tatsächlich tun sollen, das und was weiß ich nicht sonst noch alles! Alles meine verdammte Schuld, und jeder sagt das!« Er bewegte sich auf Meredith zu, und sie wich automatisch einen Schritt zurück.
»Es war nicht meine Schuld, dass eines der Mädchen ermordet wurde, oder? Ich hatte nicht das Geringste damit zu tun! Aber als dieser Markby und Daphne mit mir fertig waren, hätte ich am liebsten jeder einzelnen dieser Mistdinger den Hals umgedreht! Was noch lange nicht heißt, dass ich losgezogen bin und nach ihnen gesucht habe!« Er schüttelte den Kopf.
»Es war reiner Zufall, weiter nichts, dass ich sie getroffen hab. Ich fuhr über die alte Cherton Road. Ich war auf dem Weg zu dem neuen Supermarkt drüben in Westerfield, um Vorräte für die Bar einzukaufen. Plötzlich hatte ich sie im Scheinwerferlicht. Sie marschierte mutterseelenallein über die dunkle Straße. Ich hab in den Rückspiegel gesehen, als ich vorbeigefahren bin, und ich hab gedacht, ich trau meinen Augen nicht! Es war eine von ihnen. Eine von diesen Schlampen, die mein Pub für ihre miese Tour benutzt haben! Gut, vielleicht ist sie seit letztem Sommer nicht mehr da gewesen, aber dieses Jahr, letztes Jahr, was spielt das für eine Rolle? Sie war eine von ihnen, und ich hab sie wiedererkannt!« Reeves zögerte und fügte sinnierend hinzu:
»Sie war von der Sorte, die man nicht so schnell vergisst, wissen Sie? So unschuldig, wie sie ausgesehen hat!« Er schnaubte.
»Von wegen unschuldig! Sie war genau wie die anderen! Jedenfalls, ich hielt und bot an, sie mitzunehmen.«
»Sie war nicht wie die anderen«, sagte Meredith streng. Reeves hatte angefangen zu schwitzen. Auf seiner niedrigen Stirn bildeten sich Schweißperlen.
»Ich wollte bloß mit ihr reden, verstehen Sie? Ich wollte ihr sagen, wollte, dass sie begreift, wie viel Schwierigkeiten sie und ihre Freundinnen Daph und mir gemacht hatten. Das ist alles, mehr wollte ich gar nicht! Sie sollte es begreifen!« Er schob seinen massigen Unterkiefer vor.
»Aber sie fing an zu schreien und zu keifen! Ich hab die Beherrschung verloren und zugeschlagen!« Er kniff die Augen zusammen.
»Ich wollte das blöde kleine Miststück nicht umbringen. Ich wollte nur, dass sie die Klappe hält. Aber dann hab ich gesehen, dass ich sie für immer zum Schweigen gebracht hatte! Ich hab ihren Leichnam in einem Feld abgeladen. Ich hab ihre Schultasche in der Dunkelheit nicht gesehen! Sie muss sie im Wagen liegen gelassen haben, als sie nach mir geschlagen hat! Aber natürlich musste ich weiterfahren nach Westerfield, um das Essen zu kaufen, sonst hätte Daph angefangen, Fragen zu stellen. Ich war viel zu spät wieder im Pub, gerade noch rechtzeitig zum Öffnen, und Daph war schon ganz aufgeregt. Ich hab den Wagen im Hof geparkt, und als ich die Tür aufgemacht hab und die Innenbeleuchtung anging, hab ich die verdammte Schultasche auf dem Boden vor dem Beifahrersitz gesehen. Daph hat nach mir gerufen, dass ich mich gefälligst beeilen sollte, dass ich reinkommen und das Essen mitbringen sollte, dass ich die Bar aufmachen sollte, dass ich was weiß ich nicht alles tun sollte, alles zur gleichen Zeit! Ich war wirklich total durcheinander. Ich wollte die Tasche irgendwo verstecken, einstweilen. Das Ding passte nicht in den alten Schrank, also hab ich das Papier rausgenommen und in der mittleren Schublade versteckt, und die Tasche hab ich woandershin getan. Ich wollte beides beseitigen, aber eines nach dem anderen! Ich hatte einfach keine verdammte Gelegenheit dazu!« Er brüllte jetzt.
»Und dann, um allem noch die Krone aufzusetzen, hat Daph Ihnen den verdammten Schrank geschenkt, und Sie haben ihn auch noch gleich abgeholt!« Er verstummte. Seine Worte hinterließen ein hörbares Echo. Als es verklang, ertönte ein anderes Geräusch. Jemand klingelte an Merediths Haustür.
»Wer ist das?«, grollte Reeves.
»Das weiß ich doch nicht!« Meredith machte einen zögernden Schritt in Richtung Tür. Reeves steckte die Hand in die Tasche seiner Lederjacke.
»Sie bleiben stehen, wo Sie sind!« Meredith sah die Pistole, die er die ganze Zeit über in seiner Jackentasche bei sich getragen hatte.
»Woher haben Sie die?«, ächzte sie.
»Ein Souvenir«, erwiderte Reeves.
»Von den Falklands.« Natürlich. Er war bei der Army gewesen. Alan hatte es nebenbei erwähnt. Der Schlag, der Katie getötet hatte, war von einem Mann ausgeführt worden, der im unbewaffneten Kampf ausgebildet war. Sie erinnerte sich, wie Alan es ihr demonstriert hatte. Und doch hatten weder er noch sie zu diesem Zeitpunkt an Reeves gedacht. Obwohl sie, wie ihr jetzt bitter bewusst wurde, durchaus gewusst hatte, dass die beiden Reeves’ sehr gut ohne die Art von Problemen leben konnten, die Lynne Wills und ihre Freundinnen dem Silver Bells beschert hatten. Sie und Alan hatten bereits am Sonntagmorgen alle Steinchen des Puzzles in den Händen gehalten, nur hatten sie sie nicht richtig zusammengesetzt. Reeves winkte mit dem Revolver.
»Los, gehen Sie nachsehen. Machen Sie nicht auf! Fragen Sie nur, wer da ist. Vergessen Sie nicht, dass ich direkt hinter Ihnen bin … und das hier auch!« Die Mündung der Waffe ruckte erneut. Sie gingen hintereinander durch den schmalen Flur zur Tür. Vor dem Milchglas waren die Umrisse einer dunklen Gestalt zu erkennen.
»Wer ist da?«, fragte Meredith als Reaktion auf einen schmerzhaften Stoß in die Rippen.
»Die Polizei!«
»Einen Augenblick bitte.« Sie drehte den Kopf über die Schulter.
»Was jetzt?«
»Fragen Sie, was sie wollen.« Meredith fragte gehorsam.
»Wir möchten uns mit Ihnen unterhalten. Könnten Sie bitte die Tür öffnen?«
»Ich … das geht jetzt nicht.« Ein weiterer schmerzhafter Stoß in die Rippen.
»Können Sie nicht später wiederkommen?« Die dunkle Gestalt an der Tür trat zurück. Ein zweiter Schatten tauchte auf.
»Meredith!« Das war Alans Stimme, und es gelang ihm nicht, seine Besorgnis zu unterdrücken.
»Kannst du bitte die Tür aufmachen?« Er hat es begriffen!, dachte sie erleichtert, obwohl ihre Lage dadurch nicht weniger gefährlich wurde. Die Polizei musste im Silver Bells gewesen sein, hatte Reeves nicht vorgefunden und von Daphne die Wahrheit erfahren. Reeves schnaufte dicht hinter ihr. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut.
»Ist Reeves bei dir?«
»Ja!«, rief sie, bevor Reeves es verhindern konnte. Er fluchte, und die Mündung der Waffe bohrte sich in ihren Rücken. Meredith schrie auf.
»Alles in Ordnung?« Alans Stimme wurde drängender.
»Meredith! Reeves! Hören Sie mich?«
»Ich höre Sie!«, bellte Reeves.
»Und jetzt hören Sie mir zu, dann geschieht auch niemandem etwas! Nicht Ihrer Freundin hier, niemandem, haben Sie verstanden? Ich bin bewaffnet …«, an Meredith gewandt fügte er hinzu:
»Los, sagen Sie es ihm!«
»Es stimmt!«, rief Meredith.
»Er hat eine Pistole! Er hat sie von den Falklands …!«
»Das reicht«, befahl Reeves.
»Ich hab nicht gesagt, dass Sie ihm einen verdammten Vortrag halten sollen!« Er packte Meredith beim Arm und schob sie in das Wohnzimmer, wo er, eng an die Wand gedrückt, den Vorhang vor dem Erkerfenster beiseite schob.
»Ist das Ihr Wagen da draußen?« Sie nickte.
»Wo sind die Schlüssel?«
»Auf dem Tisch im Flur.« Reeves schob sie in den Flur zurück und nahm die Schlüssel an sich.
»Sind Sie noch draußen, Markby? Rufen Sie all Ihre Männer zurück! Ihre Freundin und ich werden einen kleinen Ausflug machen!«
»Wohin?«, fragte Meredith.
»Sie können nicht entkommen …«
»Ich hab gesagt, Sie sollen die Klappe halten!« Reeves war logischen Argumenten gegenüber nicht empfänglich.
»Ihre Freundin macht jetzt die Tür auf, Markby, und wir kommen raus! Ich ziele mit der Pistole direkt auf ihren Rücken, und ich werde schießen, wenn Sie versuchen, einzugreifen, haben Sie das verstanden?«
»Schon gut, wir haben verstanden«, antwortete Markby.
»Rufen Sie Ihre Leute zurück!« Draußen auf der Straße ertönte Fußgetrappel. Reeves packte Meredith erneut am Arm und schob sie vor sich her ins Wohnzimmer, um durch das Fenster zu spähen.
»Also gut, Lady. Tun Sie genau das, was ich Ihnen sage. Wir bleiben schön dicht beisammen, kapiert? Wir wollen schließlich nicht, dass irgendein dummer Scharfschütze meint, er könne mich ausknipsen.«
»Sie sind wahrscheinlich überhaupt nicht bewaffnet«, sagte Meredith rau.
»Wenn sie in meinem Laden waren, wissen sie von Daphne, dass ich die Pistole mitgenommen hab. Sie kann die Klappe einfach nicht halten, meine Daph. Wie alle verdammten Weibsbilder, ständig müssen sie plappern! Ihr Markby hat ein paar bewaffnete Leute geholt, bevor er hergekommen ist, darauf können Sie Ihren Hintern verwetten!« Reeves grinste böse.
»Und es ist Ihr Leben, vergessen Sie das nicht! Versuchen Sie nicht, die Schlaue zu spielen!« Sie kehrten in den Flur zurück. Reeves bedeutete ihr, die Tür zu öffnen. Meredith versuchte, die Gedanken an
»… ich werde schießen, wenn Sie versuchen einzugreifen …« zu verdrängen, doch sie steckten genauso unverrückbar fest in ihrem Kopf wie der Lauf der Pistole in ihrem Rücken. Die Straße vorm Haus schien leer, auf der anderen Seite bewegte sich allerdings ein Vorhang.
»Die Bullen sind im Haus gegenüber!«, raunte Reeves neben ihrem Ohr. Eine eigenartige Komplizenschaft schien sich zwischen ihnen zu bilden. Sie saßen im gleichen Boot.
»Wahrscheinlich ist es nur eine neugierige Nachbarin«, flüsterte Meredith zurück.
»Halten Sie die Klappe. Los, gehen wir!« Reeves verstand sein Handwerk. Er hielt sie stets als Schutzschild vor sich, während sie den Bürgersteig überquerten. Schließlich erreichten sie den Wagen. Der Beifahrersitz war direkt vor ihnen. Reeves sperrte die Tür auf, stieß Meredith hinein und drängte sie hinter das Lenkrad, dann folgte er ihr in den Wagen, während er gleichzeitig in einer einzigen glatten Bewegung die Tür hinter sich zuschlug.
»Sie fahren!«, befahl er, während sie die Beine über den Schalthebel hob und sich richtig hinsetzte.
»Wo entlang?« Er runzelte die Stirn.
»Bis zum Ende der Straße und dann rechts. Folgen Sie den Einbahnstraßen bis zur Hauptstraße!« Der Motor stotterte einmal und sprang augenblicklich an, was er längst nicht immer tat. Meredith packte das Steuer und suchte verzweifelt die Straße nach einem Lebenszeichen ab. Reeves setzte den Lauf der Waffe an ihre Schläfe.
»Nur, damit alle sehen, dass ich es ernst meine«, sagte er.
»Sie versperren mir die Sicht auf die Straße!«
»Wir sind hier nicht bei der Führerscheinprüfung! Ich sag Ihnen alles, was Sie wissen müssen. Los jetzt, fahren Sie!« Meredith fuhr zum Ende der Straße und wollte dann wie befohlen nach rechts in die nächste Einbahnstraße abbiegen. Nur, dass gleich hinter der Ecke ein Polizeifahrzeug den Weg versperrte. Reeves fluchte.
»Nach links!«
»Das ist die falsche Richtung!«, protestierte Meredith.
»Das ist eine Einbahnstraße! Wenn ich links abbiege, müssen wir gegen den Verkehr fahren!«
»Ich hab gesagt nach links!« Meredith fuhr widerwillig entgegen der Fahrtrichtung durch die schmale Gasse, eine der ältesten Straßen von Bamford. Gegenwärtig gab es keinen Verkehr. Vielleicht hatte die Polizei die Einfahrt gesperrt. Unwillkürlich musste Meredith daran denken, dass Mrs. Farthing vom Damenkränzchen in einem der alten Steincottages wohnte, die rechts und links die Straße säumten.
»Geben Sie Gas!«, befahl Reeves. Die Nadel auf dem Tachometer stieg, und dann geschah es plötzlich: Kein anderes Fahrzeug, sondern die majestätische Gestalt von Mrs. Pride auf ihrem Fahrrad tauchte vor Meredith auf. Sie radelte durch die alte Gasse und schien überhaupt nicht zu bemerken, was sich da vor ihr ereignete und direkt auf sie zukam. Plötzlich blickte sie auf und sah den Wagen dicht vor sich. Das Fahrrad schwankte heftig, doch die Gasse war an dieser Stelle am schmälsten, und Mrs. Pride konnte nirgendwohin ausweichen. Meredith reagierte instinktiv und dachte überhaupt nicht mehr an Reeves neben ihr oder die Waffe, die er ihr an die Schläfe hielt. Sie trat mit aller Macht auf die Bremse. Der Wagen kreischte, bockte und schlitterte durch die enge Straße, und dann prallte er auf Reeves’ Seite heftig gegen eine Hauswand. Meredith riss die Arme hoch, um ihr Gesicht zu schützen. Gleichzeitig hörte sie eine ohrenbetäubende Explosion. KAPITEL 22
»Meinen Wagen kann ich abschreiben!«, sagte Meredith verdrießlich.
»Sei froh, dass wir dich nicht abschreiben müssen!«, erwiderte Alan Markby. Meredith betastete vorsichtig den Polystyrolkragen, den sie im Bamford Cottage Hospital bekommen hatte, um den angebrochenen Hals zu entlasten.
»Ich weiß, dass es schlimmer hätte kommen können. Trotzdem, ein angeknackster Wirbel ist kein Spaß. Ich kann nicht einmal den Kopf drehen, ohne die Hände zu benutzen. Ich sehe wahrscheinlich aus wie eine Bauchrednerpuppe! Mein Rücken fühlt sich an wie Perlen auf einer lockeren Kette, und meine Schultern sind grün und blau!«
»Ich wollte nicht mitleidslos klingen. Warte, ich helfe dir …« Sie waren bei seinem Wagen angekommen. Meredith mühte sich auf den Beifahrersitz wie eine Krabbe auf dem Trocknen.
»Ich beschwere mich ja nicht wirklich«, gestand sie ein, als sie vom Parkplatz des medizinischen Zentrums fuhren, wo der Arzt soeben eine Kontrolluntersuchung ihres Genesungsfortschritts durchgeführt hatte.
»Eigentlich kann ich froh sein. Ich dachte tatsächlich, Reeves hätte auf mich geschossen! Ich bin immer noch ganz taub auf dieser Seite, vom Lärm des Knalls! Der Arzt hat gesagt, es wäre vorübergehend. Ich hoffe nur, dass er Recht behält!«
»Versuch es einmal so zu sehen. Du hattest keine andere Wahl. Du musstest gegen die Wand fahren und einen Halskragen riskieren. Hättest du’s nicht getan, wäre Reeves’ Arm nicht nach unten geschlagen worden und er hätte sich nicht selbst verletzt, als sich der Schuss löste. Vielleicht hätte er dich tatsächlich irgendwann erschossen. Er ist fast verblutet, weißt du? Die meisten Menschen wissen nicht, wie gefährlich so eine Oberschenkelwunde sein kann. Er hatte jedenfalls ganz bestimmt keine Lust mehr zu kämpfen. Als wir am Unfallort ankamen, brüllte er uns zu, einen Krankenwagen zu rufen. Alles andere war ihm längst egal.«
»Hmmm. Ich für meinen Teil habe Schwierigkeiten, Mitgefühl für jemanden zu empfinden, der versucht hat, mich zu erschießen. Um wen ich mich wirklich sorge, das ist die arme Mrs. Pride. Sie ist kein junges Ding mehr, und der Sturz war ziemlich heftig. Sie kam von einem Krankenbesuch bei Mrs. Farthing zurück, die mit einer Grippe im Bett gelegen hat, und jetzt liegt sie selbst flach! Ihr Bein ist grün und blau, ein schrecklicher Anblick, und sie hat sich den Unterarm gebrochen. Wir geben ein wirklich beeindruckendes Bild ab, wir beide, ich in meinem Kragen und sie mit dem Arm in einer Schlinge und dem bandagierten Bein auf einem Stapel Kissen. Und ihr Fahrrad sieht genauso schlimm aus wie mein Auto: nicht mehr zu gebrauchen. Barney kümmert sich um sie.« Meredith zögerte.
»Es geht doch nichts über ein gepflegtes Stöhnen.«
»Red es dir von der Seele, wie man so schön sagt. Geht es dir jetzt besser?«
»Nein.«
»Nun ja, Mitleid ist eine Sache, aber es ist eine ganz andere, wenn ich dir erlaube, dich in Selbstmitleid zu suhlen! Das nächste Mal, wenn ich dir sage, du sollst für einen Tag verschwinden, dann tust du es gefälligst auch! Ist das nicht Prue Wilcox dort auf der anderen Straßenseite? Sie macht einen sehr entschlossenen Eindruck!« Meredith verdrehte die Augen zur Seite, ohne den Kopf zu bewegen. Prue stapfte Arme schwingend über den Bürgersteig, als sei sie auf einem Exerzierplatz. Markby steuerte den Straßenrand an, tippte auf die Hupe und beugte sich zu Meredith hinüber, um den Knopf zu betätigen, der das Fenster öffnete. Es glitt mit leisem Surren nach unten.
»Oh, Meredith!«, sagte Prue und kam herbei, um sich zum Fenster herabzubeugen.
»Wie geht es Ihnen inzwischen? Ich hoffe, Sie fühlen sich besser? Ich wollte sowieso bei Ihnen zu Hause vorbeikommen und Sie besuchen.«
»Ich bin noch ein wenig steif«, antwortete Meredith.
»Aber das Wichtigste ist, dass sie Reeves gefasst haben.«
»Wie stehen die Dinge in Park House?«, fragte Markby.
»Ich war ein wenig überrascht, als ich hörte, dass Conway alles geerbt hat. Ich, äh, ich hatte eigentlich den Eindruck, dass Adeline genau das vermeiden wollte?« Prue schüttelte traurig den Kopf.
»Mein lieber Chief Inspector! Die ganze Geschichte ist ein Musterbeispiel für die Fallstricke und Fußangeln eines Testaments, das zu einfach abgefasst ist und das Unvorhergesehene nicht berücksichtigt. Adeline hat Katie als Alleinerbin eingesetzt. Sie dachte, damit wäre die Sache eindeutig geregelt. Doch sie hat vergessen, eine Klausel einzuschließen für den Fall, dass Katie vor ihr stirbt. Vermutlich dachte Adeline, so etwas würde nicht geschehen. Sie selbst war von schwacher Gesundheit, und Katie war das blühende Leben. Ganz gewiss hat es der Notar versäumt, ihr zu erklären, was geschieht, falls die arme Katie zuerst stirbt, im Kindesalter, und kein Testament hinterlässt. Als Katie dann starb, war die arme Adeline nicht in der Verfassung, ein neues Testament aufzusetzen, und Matthew, darauf können Sie Gift nehmen, hat sie gewiss nicht daran erinnert! Verstehen Sie, es gibt keinen Verwandten mehr, keinen Devaux, der das Anwesen beanspruchen kann, und so erbt Matthew als der überlebende Ehemann Park House mitsamt allem, was sich auf dem Anwesen befindet!« Prue rümpfte die Nase.
»Ich höre nächste Woche auf.«
»Was denn, fahren Sie in Urlaub? Verdient haben Sie ihn, ohne jeden Zweifel.«
»Nein, ich ziehe zu meiner Schwester nach Cornwall. Ich komme nie wieder hierher zurück. Niemals!«, sagte Prue überraschend heftig.
»Wie soll denn Matthew Conway ohne Sie zurechtkommen?«, rief Meredith.
»Ganz ausgezeichnet, daran zweifle ich nicht. Er beabsichtigt, sich wieder zu verheiraten! Die arme Adeline ist kaum kalt, und schon will er sie ersetzen! Das ist nicht nur gefühllos, das ist unanständig! Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht wäre. Adeline hat immer gesagt, dass Matthew auf der Stelle wieder heiraten würde, wenn ihr etwas zustoßen sollte. Sie waren bei der Beerdigung, nicht wahr, Mr. Markby? Ich konnte nicht dableiben und hinterher mit den Leuten reden. Ich wusste bereits, was Matthew plant, und ich konnte es einfach nicht ertragen, ihn dort zu sehen und die Beileidsbezeigungen der Menschen entgegenzunehmen und ihnen die Hände zu schütteln. Ich konnte nicht!«
»Es tut mir Leid, dass ich nicht bei der Beerdigung war«, sagte Meredith.
»Es ist irgendwie nicht richtig, dass Maria Lewis die neue Herrin von Park House sein soll.« Ein grimmiges Lächeln huschte über Prue Wilcox’ mütterliche Züge.
»O nein! Wenigstens diese kleine Befriedigung habe ich am Ende erleben dürfen. Es ist nicht Maria, die Matthew zu heiraten beabsichtigt.«
»Was?«, riefen Markby und Meredith gleichzeitig. Meredith vergaß, dass sie den Kopf nicht drehen konnte, und stieß einen leisen Schmerzensschrei aus.
»Nein. Er hat uns alle getäuscht. Einschließlich Maria! Er hatte die ganze Zeit über eine Freundin in London. Er hat nie auch nur ein Wort darüber verloren, weil er ihren Ruf schützen wollte. Ha!«, rief Prue entrüstet und mit einer Lautstärke, dass andere Fußgänger verblüfft aufsahen und ihre Schritte erschrocken beschleunigten.
»Er hat uns alle, einschließlich Maria, in dem Glauben gelassen, dass sie die nächste Mrs. Conway werden würde. Oh, ich weiß, wie übel er ihr dadurch mitgespielt hat, aber ich muss sagen, sie hat es nicht besser verdient! Ich werde niemals sicher wissen, warum die arme Adeline aus dem Haus gelaufen und auf diese Weise gestorben ist …« Prue stockte und fuhr mit erstickter Stimme fort:
»Aber ich bin ganz sicher, dass Maria ihre Finger im Spiel hatte. Sie war allein mit Adeline, kurz bevor es geschah. Aber ich kann nichts beweisen. Wenigstens hat sie jetzt nicht von Adelines Tod profitiert. Wenn sie geglaubt hat, mit ihrer Tat Park House gewinnen zu können, so hat sie sich geirrt. Es hat eine schreckliche Szene gegeben, bevor sie nach oben gestürmt ist und ihre Sachen gepackt hat, um mit wehenden Fahnen auszuziehen.«
»Kann ich mir lebhaft vorstellen«, sagte Markby.
»Ich bin, ehrlich gesagt, überrascht, dass es nicht noch einen Mord gegeben hat! Entschuldigung, Prue«, fügte er hastig hinzu.
»Nun, ich hatte sowieso nicht die Absicht zu bleiben, ganz gleich, was geschieht. Es wäre zu schmerzhaft gewesen, ohne Adeline und die kleine Katie im Haus zu bleiben. Man sollte meinen, unter den gegebenen Umständen würde Matthew wenigstens das respektieren, was Adeline als Ehrensache und Verpflichtung betrachtet hat, aber wissen Sie, was er getan hat?« Prue erregte sich wieder aufs Neue.
»Er hat die Schweine verkauft! Jedes einzelne! Der arme Mutchings hat keine Arbeit mehr, und was soll er jetzt machen? Er ist kein junger Mann mehr, und das Einzige, womit er sich auskennt, sind die Schweine! Ich hab ihn heute Morgen mit zum Arbeitsamt genommen, damit er sich in die Liste einträgt. Die Chance, dass er etwas anderes findet, ist verschwindend gering, obwohl sie irgendetwas von Straßenkehren gemurmelt haben. Ich bin auch noch zu einem Anwalt mit ihm gegangen, damit er sich über seine Rechte als Bewohner dieses Cottages informiert. Es ist das einzige Heim, das Winston je hatte. Ich glaube nicht, dass Matthew ihn so einfach auf die Straße setzen darf. Der arme Bursche ist völlig am Boden zerstört. Seine Welt liegt in Scherben. Die Schweine waren sein Leben, und die Geschichte seiner gesamten Familie ist mit Park House verknüpft. Der Gedanke, dass Matthew so grausam sein könnte!«
»Ich hätte angenommen, dass Conway ihn wenigstens als Gärtner weiter beschäftigt«, sagte Markby und dachte an die ungeschnittenen und verwilderten Buchsbäume, die die Auffahrt von Park House säumten.
»Er will Winston nicht mehr um sich haben! Der Anblick beunruhigt ihn, sagt Matthew! Als hätte er etwas anderes verdient!«, sagte Prue heftig.
»Mrs. Pride meinte, Matthew hätte ein schlechtes Gewissen.« Meredith seufzte.
»Es scheint, als hätten eine ganze Menge unschuldiger Leute unter dieser Geschichte gelitten. Oder wenn sie auch nicht ganz unschuldig waren, so sind sie doch keine ausgesprochenen Halunken. Beispielsweise Daphne Reeves, die im Grunde genommen eine nette Frau ist und nur den falschen Mann geheiratet hat. Und natürlich Mutchings, genau wie der arme Josh Sanderson.«
»So ist das eben«, sagte Alan neben ihr. Prue richtete sich auf.
»Ich versuche trotzdem, Sie noch einmal zu besuchen, bevor ich von hier abreise, Meredith. Ich bin eigentlich nur in Bamford, weil ich einen Katzenkorb kaufen wollte. Ich nehme Sam mit nach Cornwall, Adelines Kater. Ich hoffe, er lebt sich dort ein. Man hört so viel über Katzen, die über Hunderte von Meilen zu ihrem alten Zuhause zurücklaufen. Aber Sam weiß, dass Adeline tot ist. Er streunt die ganze Zeit umher und sieht todunglücklich aus. Er hat sich angewöhnt, auf meinem Bett zu schlafen, und ich denke, er kommt schon über den Berg. Außerdem mag meine Schwester Katzen.« Mit diesen Worten stapfte sie davon.
»Du hast einmal gesagt, nach einem Verbrechen wie einem Mord in einer so kleinen Gemeinde kann nichts wieder sein wie vorher«, bemerkte Meredith traurig.
»Das habe ich. Und es stimmt. Trotzdem, irgendwie kommen die Dinge immer wieder in eine Ordnung. Vielleicht lässt sich Conway erweichen und behält Mutchings als Gärtner, besonders, wenn es ihm nicht gelingt, ihn aus dem Cottage zu vertreiben. Prue zieht zu ihrer Schwester, und der Kater geht mit ihr. Josh ist derjenige, um den ich mir am meisten Sorgen mache. Und ich möchte nicht in Matthew Conways Haut stecken. Die Menschen hier achten sehr auf Zucht und Anstand. Wenn er sobald nach Adelines Tod eine neue Frau aus London hierher bringt, werden beide das Leben nicht ganz einfach finden.«
»Er tut mir trotzdem Leid«, sagte Meredith leise.
»Ich habe gesehen, wie er über Adelines Leichnam getrauert hat. Nur Mutchings und ich haben es gesehen. Ich weiß, dass es ihm das Herz gebrochen hat. Außer Adeline hat er auch noch Katie verloren. Er musste erfahren, was seine ach so brave Tochter letztes Jahr angestellt hat und welche Schwierigkeiten sie deswegen hatte – nein, ich kann Matthew nicht verdammen. Er muss sein ganzes Leben von vorn anfangen.«
»Ist es nicht das, was wir alle versuchen? Uns ein Leben aufzubauen?« Sie sah Markby ins Gesicht. Sie wusste, was er dachte, doch jetzt war nicht der Zeitpunkt, um den alten Streit wieder aufflammen zu lassen. Irgendwann einmal, wie irgendwer irgendwo so schön gesagt hatte.
Die beiden nächsten Wochen vergingen einigermaßen hektisch. Prue besuchte Meredith wie versprochen und verabschiedete sich von ihr. Sam hatte, wie es schien, sein Körbchen akzeptiert und sich angewöhnt, darin zu schlafen. Der Umzug nach Cornwall versprach, ohne Probleme abzulaufen.
»Wie kommt Matthew zurecht?«, erkundigte sich Meredith.
»Ich habe nicht die leiseste Ahnung!«, sagte Prue eisig.
»Sie war da. Sie hat doch tatsächlich die Unverschämtheit besessen, neue Vorhänge auszumessen! Ich habe es nicht fertig gebracht, mit ihr zu reden!«
Mit ›sie‹ war offensichtlich Matthews zukünftige Frau gemeint. Meredith verzichtete darauf, das Thema zu vertiefen.
»Leben Sie wohl, Meredith, meine Liebe!«, sagte Prue und küsste sie auf die Wange.
»Ich weiß, dass Adeline Zutrauen zu Ihnen gefasst hat, als Sie bei uns waren, was ich wundervoll von Ihnen fand. Adeline war ein sehr, sehr einsamer Mensch.« Das Silver Bells hatte geschlossen. Reeves saß in Untersuchungshaft, und Daphne war zu Verwandten abgereist. Mrs. Prides Bein war immer noch nicht ausgeheilt, doch unter Barneys fürsorglicher Pflege genas sie langsam. Merediths Hals war wieder in Ordnung, und nun, da sie endlich den Kragen ablegen und sich ohne Schmerzen bewegen konnte, machte sie etwas, das sie sich schon lange vorgenommen hatte. Sie brachte Blumen an das gemeinsame Grab von Adeline und Katie Conway. Sie lagen auf dem
»Neuen Friedhof«, gleich neben dem alten und übervollen Bamforder Kirchhof. Dem neuen Friedhof fehlte die planlose Zwanglosigkeit, die den alten so anziehend gemacht hatte. Die Gräber zogen sich ordentlich in Reih und Glied dahin, und die Grabsteine waren ausnahmslos weiß und uniform. Man hatte Bäume gepflanzt, die die Eintönigkeit ein wenig auflockern und je nach Jahreszeit Schutz oder Schatten spenden sollten, doch sie waren noch jung und klein. Als Meredith mit dem Blumenstrauß in der Hand zum Grab der beiden Conway-Frauen kam, fand sie Matthew vor, der mit den Händen in den Manteltaschen und mit hochgeschlagenem Kragen unter einem Nadelbaum stand. Er schien in Gedanken versunken. Meredith hatte ihn seit dem Tag von Adelines Tod nicht mehr gesehen, und sie zögerte, ihn jetzt anzusprechen, doch er wandte den Kopf und sah sie an.
»Miss Mitchell?«
»Hallo, Matthew. Wie geht es Ihnen?« Sie hielt ihm den Strauß hin.
»Ich konnte nicht zur Beerdigung kommen, deswegen dachte ich, ich komme heute vorbei und bringe ein paar Blumen.«
»Danke sehr.« Matthew nahm die Hände aus den Taschen.
»Wie geht es Ihnen? Ich habe gehört, Sie waren ziemlich schwer verletzt?«
»Nicht so schwer, nein. Aber ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich bin wieder gesund, danke.« Sie blickte sich um.
»Ich habe eine Steckvase für die Blumen mitgebracht. Irgendwo muss es hier Wasser geben.«
»Dort drüben ist ein Hahn, beim Schuppen.« Meredith ging Wasser holen und richtete ein wenig verlegen ihre Blumen aus, während er sie beobachtete. Als sie fertig war, trat sie zurück und begutachtete die Wirkung. Dabei konnte sie nicht umhin, die Inschrift auf dem provisorischen Holzkreuz zu lesen, das anstelle des endgültigen Grabsteins am Kopfende stand. Matthews Augen waren ebenfalls auf das Holzkreuz gerichtet.
»Adeline hätte gewollt, dass wir sie im Familienmausoleum zur letzten Ruhe beisetzen, doch das kam überhaupt nicht in Frage. Man bemüht sich selbstverständlich, die Wünsche der Verstorbenen zu befolgen, doch Adelines Wünsche waren, wie alles, was sie sagte oder dachte, nun ja … weltfremd.«
»Sie war sehr krank«, sagte Meredith leise.
»Das weiß ich. Ich habe viele Jahre mit ihrer Krankheit gelebt! Ich genieße in der Gemeinde wohl keinen besonders guten Ruf mehr, wie?«, fragte er peinlich direkt.
»Wie steht es mit Ihnen? Teilen Sie die allgemeine Missbilligung?«
»Nein. Warum sollte ich?«
»Ich heirate wieder, zu Weihnachten. Das hat jedermann schockiert.«
»Sie müssen sich ein neues Leben aufbauen«, sagte sie zu ihm. Er lächelte schief.
»Danke. Sie sind der erste Mensch, der ein freundliches Wort für mich findet. Selbstverständlich haben die Menschen mir Beileid gewünscht, aber sie waren nicht bereit, Verständnis für meinen Versuch aufzubringen, mir ein, wie Sie es nennen, neues Leben aufzubauen. Ich habe mich Maria gegenüber unaufrichtig verhalten, ich weiß. Ich bedaure es aufrichtig. Aber ich wollte meine … meine Verlobte schützen.« Meredith schwieg.
»Ich wollte sie auch beschützen.« Matthew hob die Hand und deutete auf den Grabstein.
»Ich habe meine Sache wohl nicht sonderlich gut gemacht. Ich habe auf der ganzen Linie versagt.« Bitterkeit schwang in Conways Stimme. Es fiel Meredith schwer, die passenden Worte zu finden. Vorsichtig fragte sie:
»Wie … wie denkt Ihre Verlobte über das Leben in Park House?«
»Oh, sie wird das Haus von Grund auf renovieren! Adeline wollte nie etwas verändern. Aber Fiona ist gelernte Innenarchitektin.«
»Wie interessant«, sagte Meredith unsicher.
»Und sie möchte ein Pferd halten. Sie ist schon immer eine leidenschaftliche Reiterin gewesen, aber sie konnte in der Stadt kein Tier halten. Also werde ich die Ställe umbauen lassen.« Erneut grinste er schief.
»Und da es ganz danach aussieht, als könnte ich Mutchings nicht aus seinem Cottage werfen, habe ich ihn als Stallburschen angestellt.«
»Das ist sehr gut!«, sagte Meredith mit mehr Nachdruck. Doch Matthew ließ sich nicht von seinem vorherigen Gedankengang ablenken. Sein Blick war zu dem einfachen Holzkreuz zurückgekehrt.
»Man sollte meinen, wenn man Menschen liebt und sie beschützen will, dann müsste man auch dazu imstande sein. Prue hat mir ein paar harte Worte mitgegeben, bevor sie weggegangen ist.« Er zuckte die Schultern.
»Ich denke, sie entsprechen der Wahrheit. Ich habe Katie im Stich gelassen. Ich hätte bemerken müssen, dass etwas nicht in Ordnung war, letztes Jahr. Ich hätte wissen müssen, dass die Situation zwischen Adeline und mir das arme Kind ganz unglücklich gemacht hat. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich mich hinter meinem eigenen Unglück verschanzt habe und dass ich so selbstsüchtig gewesen bin.«
»Es ist ganz natürlich, dass Sie jetzt so denken«, sagte Meredith in dem Versuch, ihn zu trösten.
»Wenn jemand gestorben ist, ist es normal, Schuldgefühle zu entwickeln. Aber manchmal laufen die Dinge einfach aus dem Ruder. Wir können nicht überall sein und nicht alles sehen. Ich nehme an, Prue war aufgebracht, als sie mit Ihnen gesprochen hat. Sie war Adeline sehr zugetan.«
»Und sie wollte mich leiden sehen!«, erwiderte er rau.
»Sie glaubte – jedenfalls hat sie das gesagt – dass ich ungeschoren davonkomme. Das waren ihre Worte! Aber ist Ihnen bewusst, Miss Mitchell, dass ich mich jetzt jedes Mal, wenn ich in Bamford bin und einen Mann sehe, dass ich mich jedes Mal frage, ob er meiner Tochter Geld gegeben hat, um mit ihr zu schlafen?«
»Nicht!«, rief Meredith aus.
»Denken Sie nicht daran!«
»Was soll ich denn denken? Verstehen Sie, ich werde niemals erfahren, wie viele … Lassen Sie sich von niemandem einreden, Miss Mitchell, dass ich ungeschoren davongekommen bin! Weil ich nämlich … weil ich mich nämlich für den Rest meines Lebens mit Fragen herumquälen werde, auf die es niemals eine Antwort geben wird.« Er wandte sich brüsk um und ging zwischen den ordentlichen Gräberreihen davon. In diesem Augenblick hörte sie einen Knall bei der Kirche, wie von einer Fehlzündung. Krähen flatterten auf und kreischten empört. Matthew blieb stehen, drehte sich mit überraschtem Gesichtsausdruck halb zu Meredith um und öffnete den Mund, um zu sprechen. Doch statt Worten erschien nur roter Schaum auf seinen Lippen, bevor er vornüber auf das Gesicht fiel. KAPITEL 23 Merediths erster Gedanke war, dass Matthew einen Anfall erlitten hatte, einen Gehirnschlag oder dergleichen. Sie rannte zu ihm, und erst dann, als sie über ihm kniete, bemerkte sie ein kleines glattes Loch auf dem Rücken seines Mantels, zwischen den Schulterblättern. Eine dicke, dunkle Flüssigkeit quoll daraus hervor und breitete sich im Stoff des Mantels aus. Matthews erstarrte Gesichtszüge zeigten noch immer Überraschung, Mund und Augen standen weit offen. Er schien etwas sagen zu wollen, seinem Schock über das, was ihm zugefügt worden war, Ausdruck geben zu wollen. Doch er konnte nicht, weil er, wie Meredith auch ohne medizinisches Fachwissen erkannte, tot war. Es war keine Fehlzündung gewesen, die sie bei der Kirche gehört hatte, sondern ein Schuss. Sie hatte kaum Zeit, diese Erkenntnis zu verarbeiten, als ein zweiter Schuss fiel. Die Kugel zischte über ihren Kopf hinweg und traf einen Grabstein. Marmorsplitter flogen in alle Richtungen. Es war definitiv Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Wer auch immer dort geschossen hatte, wollte offensichtlich verhindern, dass sie Matthew Erste Hilfe leistete. Nicht, dass ihm noch zu helfen gewesen wäre. Doch der Attentäter wollte jeden Zufall ausschließen. Das drängendste Problem war, wo Meredith in Deckung gehen sollte? Sie wusste nicht, aus welcher Richtung der Mörder geschossen hatte. Sie warf sich hinter den nächsten Grabstein und kauerte sich zusammen. So, dachte sie, muss sich ein Feldhase fühlen, wenn die Arbeiter das ganze Feld abgeerntet haben und nur noch ein kleiner Fleck in der Mitte verschont geblieben ist. Jeden Augenblick werden die Terrier von der Leine gelassen und scheuchen das Wild auf, das dann draußen auf dem Stoppelfeld von den Männern mit den Flinten abgeknallt wird.
»Er ist tot!«, brüllte Meredith, weil es wahrscheinlich das war, was der Mörder wissen wollte. Es gab keinen Grund für ihn – wer auch immer er sein mochte –, anschließend auch sie zu töten. Der zweite Schuss hatte sie in Angst versetzen sollen, weiter nichts. Und eigentlich sollte sie auch Angst empfinden, eine Menge Angst! Doch perverser Weise verspürte Meredith genau in diesem Augenblick, als der Wind ihre Worte über den Friedhof wehte, bloß Zorn über die Ungerechtigkeit und Unfairness des Ganzen. Dies war das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass jemand sie mit einer Waffe bedroht hatte. Zumindest hatte sie beim ersten Mal genau gewusst, wo Reeves sich aufgehalten hatte. Diesmal hatte sich der Mörder versteckt, und das wichtigste war, herauszufinden, wo die Bedrohung herkam. Auf dem Friedhof herrschte sprichwörtlich Grabesstille. Alle Vögel waren geflüchtet. Von der Stelle aus, wo Meredith kauerte, konnte sie keine weitere Menschenseele ausmachen. Die gesamte Gegend wirkte völlig verlassen. Doch die Stelle zwischen Merediths Schulterblättern kitzelte unangenehm in dem Wissen, dass sie nicht ganz verlassen war. Und die ausgestreckte, leblose Hand des Toten erinnerte Meredith überdeutlich daran, dass der Heckenschütze sein Handwerk verstand. Sie spähte vorsichtig um den Grabstein herum, hinter dem sie in Deckung gegangen war. Er war neu, und zu seinen Füßen lag ein verwelkter Trauerkranz. Auf dem Band, das noch immer daran befestigt war, stand in verblassenden Buchstaben
»Lynne – geliebte Tochter« zu lesen. Meredith fand keine Zeit, um über diesen traurigen Zufall nachzudenken. Auf der anderen Seite des neuen Friedhofs, hinter der Mauer und mitten im alten Kirchhof, stand die Kirche. Der erste Schuss schien von dort gekommen zu sein. Das Gebäude stand während des Tages offen, denn Vater Holland war der Meinung, dass die Menschen Gelegenheit zur Andacht haben sollten, wenn ihnen danach war. Meredith hob den Blick. Der Kirchturm besaß ein tief heruntergezogenes Dach. Dort, wo das Gemäuer in das spitze Dach überging, befand sich eine umlaufende Brustwehr, die aus dem Turminnern zugänglich war. Ebenerdig gab es eine ständig verschlossene Tür, die in den Turm hinaufführte, doch eine weitere, im Innern der Kirche, stand häufig offen. Als Meredith zur Brustwehr sah, meinte sie, eine Bewegung und dann ein Glitzern wie von einer spiegelnden Oberfläche zu erkennen. Der Schütze saß dort oben, und er hatte ein ungehindertes Schussfeld auf alles, was sich hier unten am Boden bewegte. Es war ein hässlicher Gedanke. Wenn jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen war, um in Panik zu geraten, dann hatte Meredith Mühe, sich einen besseren auszudenken. Sie kämpfte um ihre Beherrschung und versuchte, logisch zu denken. Sie versetzte sich in die Lage des Mörders. Nachdem er sein Ziel, Matthew zu töten, erreicht hatte, würde er jetzt wahrscheinlich versuchen zu entkommen. Irgendjemand anderes konnte den Schuss gehört haben und vorbeikommen, um die Sache zu untersuchen. Der Schütze hatte vielleicht keine Munition mehr. Falls er noch welche hatte, gab es keinen Grund, sie auf Meredith zu verschwenden, die, solange sie hinter dem Grabstein hockte, keine Gefahr für ihn darstellte. Wenn er sie hätte töten wollen, hätte er es schon längst tun können. Der Grabstein bot keine wirkliche Deckung. Nichtsdestotrotz war es schwer, sich nicht wie eine sitzende Ente zu fühlen. Die kleine Gruppe junger Bäume beim Wasserhahn, wo sie kurze Zeit zuvor Wasser für die Blumen geholt hatte, bot bessere Deckung. Außerdem stand dort der Geräteschuppen des Totengräbers, auf den Matthew sie aufmerksam gemacht hatte. Meredith warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und beobachtete den Sekundenzeiger, während er einmal ganz um das Zifferblatt kreiste. Dann rappelte sie sich hinter ihrem Grabstein auf und huschte wie eine unförmige Spinne von Grabstein zu Grabstein bis zum Schuppen. Er war mit einem Vorhängeschloss versperrt und ohne Nutzen für sie, doch die Bäume boten relative Sicherheit. Es hatte keine weiteren Schüsse gegeben. Meredith spähte zur Brustwehr hoch, doch dort regte sich nichts mehr. Auch die Krähen schienen die Luft für rein zu halten und kehrten nach und nach auf den Friedhof zurück, wo sie noch eine Weile um den Turm kreisten, bevor sie landeten. Wenn dort oben jemand mit einer Waffe stand, dann hätten sie ihn gesehen und wären nicht zurückgekommen. Der Mörder war also verschwunden, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sein Opfer tot war. Wie um sich selbst zu überzeugen, wandte Meredith sich um und blickte zu Matthew hinüber, der noch immer in der gleichen Haltung am Boden lag. Sie wagte sich vorsichtig unter den Bäumen hervor. Stille. Auf der Brustwehr regte sich nichts. Hinter ihr in einem Baum raschelte ein Vogel, und Meredith zuckte zusammen. In unbequem geduckter Haltung huschte sie zum Tor, das den neuen Friedhof mit dem alten verband, der mit all seinen Bäumen ausgezeichnete Deckung bot und den sie auf jeden Fall durchqueren musste, wenn sie zum Ausgang wollte. Niemand schoss unterwegs auf sie. Meredith richtete sich schmerzhaft auf. Sie hatte einen Krampf im Rücken, ihr erst frisch verheilter Hals schmerzte wieder, ihr Herz hämmerte wie wild, und sie musste dringend auf die Toilette. Wenigstens gab es jetzt nirgendwo mehr ein Anzeichen von Gefahr, und Meredith verspürte einen machtvollen Drang, ihre Schlussfolgerungen zu überprüfen und sich die Stelle anzusehen, von wo aus der Heckenschütze Matthew unter Beschuss genommen hatte. Danach würde sie zur Polizei gehen und schildern, was sich ereignet hatte. Das Außenportal der Kirche stand offen. Meredith ging, eng an die Wand gedrückt, darauf zu. In der Vorhalle angekommen, öffnete sie das Innenportal und spähte hinein. Es schien alles leer, und wie sie vermutet hatte, stand die kleine Pforte offen, durch die man in den Turm gelangte. Sie wurde durch einen langen Haken an der Wand gesichert. Meredith ging zur Pforte und schob vorsichtig den Kopf hindurch. Sie lauschte. Die Wendeltreppe nach oben lag still. Nichts regte sich. Immer noch vorsichtig, doch ermutigt durch die Tatsache, dass sie durch die sich um die zentrale Säule windende Treppe von oben her nicht gesehen werden konnte, schlich Meredith die ausgetretenen steinernen Stufen hinauf. Schlitze in den Wänden ließen in regelmäßigen Abständen ein wenig Licht herein und gestatteten einen Blick auf die Außenwelt, sodass man ungefähr wusste, wie weit man bereits nach oben gestiegen war. Der Gestank der Fledermausexkremente wurde immer schlimmer. Die Luft roch beißend, und Übelkeit stieg in Meredith auf, ein Gefühl, das noch verstärkt wurde von der nicht enden wollenden Rechtsdrehung der Wendeltreppe. Meredith blieb stehen, lehnte sich an die kalte Steinwand und lauschte erneut. Doch sie war inzwischen ganz sicher, dass sich dort oben niemand mehr aufhielt. Am oberen Absatz der Treppe gelangte Meredith in den winzigen Raum unter dem Dachgestühl, das die Kirchturmspitze bildete. Dort oben raschelte es, und leise, spitze Schreie hallten zu ihr herab. Sie blickte nach oben und erkannte winzige dunkle Gestalten, die eingehüllt in ihre Flügel am Gebälk hingen und sie aus bösen winzigen Fuchsgesichtern beobachteten. Die kleine Pforte, die nach draußen auf die Brustwehr führte, stand sperrangelweit offen. Ein Jagdgewehr lehnte an ihr. Der Mörder hatte es vor dem steilen Abstieg zurückgelassen, um nicht behindert oder später mit der Waffe in der Hand ertappt zu werden. Er war unbewaffnet geflohen und unerkannt entkommen. Meredith ließ die Waffe unberührt und trat hinaus auf die schmale Brustwehr. Augenblicklich erfasste der Wind ihre Kleidung. Sie hatte nicht mit der Macht gerechnet, mit der er hier oben wehte, oder mit der durchdringenden Kälte. Meredith fühlte sich unsicher. Das Mauerwerk der Brüstung wirkte weder hoch noch stabil genug, um Schutz zu gewähren. Hinter ihr lief das Dach in steilem Winkel zur Spitze zusammen, sodass sie sich nicht anlehnen konnte, wie es bei einer Mauer der Fall gewesen wäre. Der Boden tief unter ihr schien sich zu heben und zu senken, und sie erlitt einen Schwindelanfall. Trotz der Kälte hatte sie angefangen zu schwitzen. Matthews Leichnam lag erbärmlich verkrümmt in einiger Entfernung, und seine ausgestreckte Hand schien ihr zuzuwinken. Der Wind zerrte unablässig an Meredith. Von hier oben wurde allzu offensichtlich, wie vergeblich ihre Bemühungen gewesen waren, hinter dem Grabstein in Deckung zu springen. Der Mörder hätte sie, so er gewollt hätte, mit Leichtigkeit erschießen können. Oder die Mörderin, dachte Meredith. Denn diesmal handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Frau. Maria Lewis. In der Hölle gab es keine Bestie, die schlimmer war als eine gehörnte Frau. Meredith zwängte sich zurück durch die Pforte und in die Treppenkammer. Die Fledermäuse begannen aufs Neue wütend zu zischen und zu kreischen. Meredith machte sich an den Abstieg die Wendeltreppe hinunter. Auf halber Höhe hörte sie, wie die Pforte zum Turm zugeworfen und ein Schlüssel in dem alten Schloss gedreht wurde. Meredith rannte, alle Vorsicht außer Acht lassend, los. Am Ende der Treppe versperrte massive Eiche ihr den Weg. Sie rüttelte vergeblich an der Tür – sie war gefangen. In der Ferne hörte sie einen Wagenmotor aufheulen. Meredith setzte sich auf eine Steinstufe und stützte das Kinn in die Hände. Was nun? Es sah ganz danach aus, als wäre der Mörder über den alten Friedhof geflohen und hätte dabei gesehen, wie Meredith sich der Kirche näherte. Er – oder Maria, falls es Maria war – war ihr ins Innere gefolgt, hatte gewartet, bis Meredith die Treppe hinaufgestiegen war, hatte sie eingesperrt und auf diese Weise jedes Hindernis aus dem Weg geräumt. Frustriert stand Meredith auf und hämmerte gegen die Pforte, ohne Ergebnis – bis auf die Tatsache, dass sie sich die Hände zerschrammte. Sie würde warten müssen, bis jemand die Kirche betrat, um ein Magazin mitzunehmen oder Blumen aufzustellen oder bis Vater Holland für die Nacht absperrte. Es war extrem kalt hinter den dicken Mauern, und der Mord war immer noch nicht gemeldet. Der Mörder konnte ungehindert entkommen. Meredith haderte mit sich, weil sie nicht zuerst Alarm geschlagen und die Erkundung des Turms auf später verschoben hatte. Sie hatte sich wie eine Idiotin benommen! Langsam stieg sie wieder die Treppe hinauf. Die Fledermäuse waren nun wirklich zornig. Eine oder zwei lösten sich aus ihrer hängenden Position und flatterten zu ihr herab. Sie umkreisten Merediths Kopf, bevor sie wieder hinauf in die Dunkelheit des Gebälks verschwanden. Meredith raffte all ihren Mut zusammen und wagte sich erneut auf die schmale Brüstung hinaus. Sie umrundete das Dach einmal und bemühte sich nach Kräften, nicht über den Rand nach unten zu sehen, bis sie auf der entgegengesetzten Seite angekommen war, von wo aus sie, während sie sich an der umlaufenden Mauer festhielt, den Hauptweg über den alten Friedhof zur Kirche überblicken konnte. Dahinter lag das Vikariat mit seinem ummauerten Grundstück. Niemand bewegte sich auf dem Friedhof. Die einzige Gesellschaft, die Meredith fand, war ein Wasserspeier in Form eines Drachenkopfs. Das Maul war zu einem unansehnlichen Grinsen aufgerissen, als freute er sich über Merediths Zwangslage. Meredith sank zu Boden und hockte sich hinter der Brüstung auf die Hacken, sodass sie die Erde tief unten nicht mehr sehen musste, während sie überlegte, ob es nicht etwas gab, womit sie werfen oder winken konnte. In diesem Augenblick hörte sie das dumpfe Knattern eines schweren Motorrads. Sie vergaß sämtliche Angst, sprang auf und beugte sich über die Brüstung. Ja, es war Vater Holland. Er stieg von seiner Yamaha und schritt über den Weg zur Kirche. Dann schien ihm etwas einzufallen, und zu Merediths Bestürzung blieb er stehen, machte kehrt und ging wieder zurück. Meredith brüllte seinen Namen. Der Wind riss ihr die Worte von den Lippen und trug sie davon. Dann tat sie das Einzige, was ihr in diesem Augenblick einfiel: Sie riss sich einen Schuh vom Fuß und schleuderte ihn von der Brustwehr. Er krachte auf das Pflaster vor der Kirche. Vater Holland drehte sich um und blickte neugierig nach oben. Meredith winkte aufgeregt. Vater Holland winkte freundlich zurück. Meredith zog ihren anderen Schuh aus und warf auch ihn hinunter. Vater Holland sah ihn fallen und wirkte verwirrt. Vielleicht dachte er, sie würde Galileos Experimente mit der Schwerkraft nachvollziehen wollen. Es war äußerst unwahrscheinlich, dass er von seiner Position aus die Gestalt dort oben erkannte, und vielleicht hielt er sie für einen Irren, der sich Zugang zum Turm verschafft hatte. Jedenfalls machte er kehrt und ging in seine Kirche, um die Sache näher zu ergründen. Ohne einen Gedanken an ihren früheren Schwindelanfall zu verschwenden, rannte Meredith barfuß zurück zu der winzigen Pforte, quer durch das Treppenzimmer, was weiteres, noch wütenderes Gekreische aus dem Dachgestühl nach sich zog, und die Wendeltreppe hinab. Gerade als sie unten ankam, drehte sich der Schlüssel im Schloss, und die massive Tür wurde geöffnet. Vater Holland streckte sein bärtiges Gesicht um den Pfeiler.
»Oh! Sie sind das, Meredith? Hat man Sie zu den Fledermäusen gesperrt?«
»Das Gewehr«, sagte Alan Markby und nahm die Weinflasche in die Hand,
»stammt so gut wie sicher aus Park House. Das Dumme bei diesen alten Landsitzen ist, dass häufig irgendwo noch Jagdflinten herumliegen, die völlig in Vergessenheit geraten sind. Matthew ist nie auf die Jagd gegangen. Als wir uns mit Prue in Cornwall in Verbindung gesetzt haben, erfuhren wir, dass es zwei Gewehre geben muss, die Adelines Vater gehört haben. Sie waren in einem Waffenschrank weggeschlossen. Wir fanden den Schrank aufgebrochen, mit nur noch einem Gewehr darin. Das Gewehr auf dem Turm trug keinerlei Fingerabdrücke, genauso wenig wie das im Schrank.«
»Sie hat sie also abgewischt. Sie hat Handschuhe getragen.«
»Ah, du redest von Maria, nicht wahr?« Er schenkte ihr
Wein nach.
»Natürlich rede ich von ihr! Sieh dir ihre Motive an! Sie ist überzeugt davon, dass Matthew sie aufs Kreuz gelegt und um Park House betrogen hat! Prue hat mit eigenen Ohren gehört, wie sie einen entsetzlichen Streit hatten!«
»Ja. Aber Prue hat nicht gehört, dass Maria eine Morddrohung ausgestoßen hätte. Wir wissen, dass Maria Park House vor mehr als zwei Wochen verlassen hat. Sie wohnt seither in einer Wohnung, die einem Bekannten gehört, und wartet auf ihren Rückflug. Die Polizei hat sie am Heathrow Airport abgefangen und zum Verhör mitgenommen, und das hat ihr überhaupt nicht gefallen.«
»Und?«
»Und sie sitzt da, schweigt eisern und hat einen sehr guten Anwalt gefunden, der alles Reden für sie übernimmt. Ich fürchte, am Ende müssen wir die Lady gehen lassen und uns obendrein bei ihr entschuldigen!«
»Was?« Meredith sprang fast von ihrem Stuhl auf.
»Sie ist für zwei Tode verantwortlich, wenn man Adeline mitrechnet, und das tue ich. Ganz abgesehen davon, dass sie auf mich geschossen hat! Hat sie überhaupt ein Alibi?«
»Für die Zeit von Matthews Tod? Nein. Andererseits haben wir auch keinen Zeugen, der sie zur fraglichen Zeit in Bamford gesehen hätte, geschweige denn in der Nähe der Kirche, und die Indizien sind nicht stark genug. Es liegt an uns, zu beweisen, dass sie es war, nicht an ihr, dass sie unschuldig ist, vergiss das nicht! Vielleicht war sie es tatsächlich nicht.«
»Pah!«
»Nun ja. Nachdem nun auch Conway tot ist, haben sich ganz neue, unerwartete Tatbestände ergeben. Die Anwälte, die mit der Abwicklung seiner Geschäfte beauftragt wurden, haben Zugang zu seinen Akten, und die sind wirklich sehr interessant! In Zeiten wie diesen ist es doch zum Beispiel üblich, dass Gläubiger hinter ihrem Geld her sind wie der Teufel. Aber eigenartigerweise scheuen sich Conways Geschäftspartner nach seinem überraschenden Ableben, in Erscheinung zu treten. Es sieht ganz danach aus, als hätte er Waren in bestimmte Krisengebiete dieser Erde verkauft, die einem Exportverbot unterliegen.«
»Waffen?«, rief Meredith erstaunt.
»Nein. Computer und andere technische Ausrüstung, ohne die die meisten Rüstungsgüter selbstverständlich nutzlos sind. Conway hat schon immer zahlreiche Geschäfte in der Golfregion getätigt. Wer weiß, vielleicht hat er irgendeinen Handel nicht abgeschlossen? Sein Wort nicht eingehalten? In diesem Teil der Erde werden Ehrenangelegenheiten oft noch mit der Waffe in der Hand geregelt. Nun, die Untersuchungen werden es ergeben, wie es so schön heißt. Und wenn nicht – dann wird der Mord an Matthew auf jeden Fall zu den offenen Akten gelegt. Wir schließen niemals einen ergebnislos gebliebenen Mordfall ab, wie du weißt. Die Angelegenheit fällt im Augenblick jedoch erst einmal nicht mehr in meine Zuständigkeit. In London gibt es Leute, die sich damit besser auskennen. Falls Mrs. Lewis Informationen über den Bruch von Handelsembargos mit dem Irak besitzt, wird ihre Flucht sie jedenfalls nicht vor einer Vorladung zum Verhör bewahren.« Meredith dachte düster über Markbys Worte nach, bevor sie sich einer näher liegenden Frage zuwandte.
»Was wird nun eigentlich aus Park House?«
»Das wird in einem langwierigen rechtlichen Verfahren entschieden. Verschiedene Anwälte sind damit befasst. Matthew Conway hat seine Rechtsvertreter im Hinblick auf seine bevorstehende Heirat angewiesen, ein neues Testament zu verfassen, doch er hat es noch nicht unterschrieben. Seine Verlobte steht auf dem Standpunkt, dass er seinen Willen und seine Absicht in Briefen an seine Anwälte und an sie deutlich zum Ausdruck gebracht habe, und sie trauert nicht nur um den Verstorbenen, sondern veranstaltet auch einen gewaltigen Wirbel. Wie du anscheinend auch. Entspann dich. Deine Muskeln werden sich verkrampfen, und dein Hals wird wieder anfangen zu schmerzen.«
»Wie kann ich mich entspannen? Du sitzt hier und erzählst mir seelenruhig, dass – sieht man einmal von irgendwelchen mysteriösen Dunkelmännern ab – die wahrscheinliche Mörderin von Matthew Conway ungeschoren davonkommen wird!« Markby legte die verschränkten Hände auf den Tisch.
»Und das schockiert dich? Warum? Hast du geglaubt, die britische Polizei ist unfehlbar und fasst jeden Halunken oder Mörder? O nein, das sind wir nicht!« Er begegnete ihrem Blick und hielt ihm stand.
»Oder jedenfalls: Ich bin es nicht, falls du das geglaubt hast.«
»Ärgern Sie sich nicht«, empfahl ihr Helen Turner eine Weile später.
»Ich weiß, dass Sie ein persönliches Interesse haben, Maria Lewis ihrer verdienten Strafe zuzuführen, aber als Polizistin würden Sie sich rasch an derartige frustrierende Erfahrungen gewöhnen. Haben Sie eine Vorstellung, wie oft wir sicher sind, dass wir einen Halunken identifiziert haben und die Beweise einfach nicht ausreichen, um ihn vor Gericht zu bringen?«
»Ich könnte nie Polizistin sein«, sagte Meredith nachdenklich.
»Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich bewundere die Hingabe, mit der die meisten Polizeibeamten ihre schwierige Arbeit vollbringen! Mein Problem besteht darin, dass ich meinen natürlichen Sinn für Recht und Gerechtigkeit nicht dazu bringen kann, sich mit Regeln und Vorschriften abzufinden – oder mit der Gefühllosigkeit, die man bei seinen Ermittlungen an den Tag legen muss. Ich habe immer wieder versucht, es Alan zu erklären, und ich hoffe wirklich, er versteht, was ich meine. Das ist einer der Gründe, die uns daran hindern, ein richtiges Paar zu werden und zusammenzuziehen. Ich käme nicht mit seinem Beruf zurecht. Es ist nicht seine Schuld, sondern meine.«
»Es ist niemandes Schuld!«, widersprach Helen entschieden.
»Viele Polizisten-Ehen gehen in die Brüche. Eine traurige Tatsache des Lebens. Nehmen Sie mich zum Beispiel!«
Helen sah die Überraschung auf Merediths Gesicht und fuhr rasch fort:
»Oh, ich war noch nicht verheiratet. Aber ich war mit einem Kollegen verlobt. Eines Tages haben wir uns hingesetzt und darüber gesprochen, was es bedeuten würde, wenn wir wirklich verheiratet wären und beide weiter unserem Beruf als Polizisten nachgehen würden. Wir kamen zu dem Schluss, dass es mehr war, als wir aushalten konnten. Also hätte einer von uns eine andere Arbeit finden müssen. Und dann fanden wir heraus, dass keiner von uns bereit war, die Polizeiarbeit an den Nagel zu hängen. Das war’s dann also. Wir trennten uns als Freunde, wie man so schön sagt. Obwohl man, wer auch immer das sein mag, damit lügt wie gedruckt! Wer trennt sich schon jemals wirklich in Freundschaft? Wir hatten eine Art Waffenstillstand, der jederzeit durchbrochen werden konnte, und wir hatten uns beide hinter unseren jeweiligen Standpunkten verschanzt. Wir waren beide halsstarrig, schätze ich.« Sie lächelte traurig.
»Das tut mir sehr Leid«, sagte Meredith.
»Aber dann verstehen Sie sicher, was ich meine. Ich möchte, dass es zwischen Alan und mir so bleibt, wie es ist, weil es so, wie es ist, funktioniert! Meinen Sie nicht, das reicht?«
»Sicher meine ich das«, sagte Helen mit schiefem Grinsen.
»Ich wünschte wirklich, er würde es genauso sehen!«, seufzte Meredith.
»Das war sehr nett von dir, Barney, danke sehr«, sagte Mrs. Pride, als er das Tablett von ihrem Schoß nahm.
»Ich bin gleich wieder mit dem Tee zurück, Doris!«
»Wirklich eigenartig, in meinem eigenen Haus vor dem Kamin zu sitzen und bedient zu werden!«, beobachtete Mrs. Pride, während er in die Küche eilte.
»Besonders, wo das Bein schon viel besser ist.«
»Daran ist überhaupt nichts Eigenartiges!«, kam seine Stimme aus der Küche.
»Und du wirst dieses Bein schonen! Das war ein ziemlich schlimmer Unfall, den du da hattest, und es ist ja wohl das Mindeste, das ich tun kann, wenn ich dir jetzt ein wenig von der Aufmerksamkeit zurückzahle, die du letztes Jahr für mich hattest, als meine Beine nicht wollten! Ist schon eine verflixte Sache, älter zu werden! Weißt du eigentlich, dass ich Markby gleich vor diesem Reeves hätte warnen können?«
»Tatsächlich? Und warum hast du es nicht getan?« Barney tauchte in der Tür auf, Anne Hathaways Cottage in der Hand.
»Weil ich ihm meine Befürchtungen nicht genau erklären konnte! Aber ich kenne Typen wie ihn! Ich war selbst in der Army und im Koreakrieg! Wir hatten alle möglichen Typen dort! Kerle, die den Dienst hassten, andere, denen es egal war und die versuchten, das Beste daraus zu machen. Einige, denen es einigermaßen gefiel, und noch ein paar, und das waren die Schlimmsten, die sich wie im siebten Himmel fühlten! Die Army war Vater und Mutter, Ehefrau und Geliebte zugleich für sie! Alles war genau, wie sie es sich immer erträumt hatten: Man hatte ihnen gesagt, wer sie sind und wie ihre Aufgabe lautet, und ihr Leben hatte damit eine Bedeutung! Die meisten sind tapfer wie Löwen! Aber der Herr im Himmel weiß, was sie anstellen, wenn sie erst einmal wieder aus der Army entlassen werden! Das Zivilleben ist für die meisten zu unorganisiert und ineffizient. Sie empfinden es als sterbenslangweilig. Nichts, was das Blut in Wallung bringt, keine Befriedigung! Dinge gehen schief, und sie wissen nicht, was sie tun sollen. Merk dir meine Worte, wenn dieser Reeves vor Gericht steht, werden irgendwelche hohen Tiere von der Army kommen und aussagen, was für ein vorbildlicher Soldat er doch gewesen ist! Mutig wie sonst was, voller Hingabe, zuverlässig im Umgang mit den Rekruten und nicht ein Makel auf seinem Namen! Ein Mann wie Reeves ist ohne seine Regimentsstiefel und den Tornister eine Vollwaise!« Barney verschwand erneut in der Küche. Mrs. Pride griff nach der Fernbedienung, die in bequemer Reichweite ihrer gesunden Hand lag, und drückte ein paar Knöpfe.
»Mal wieder nichts Vernünftiges drin im Flimmerkasten, wie üblich!«, lamentierte sie lauthals.
»Obwohl ich nach allem, was hier in Bamford passiert ist, nicht weiß, ob ich je wieder wie früher Fernsehen schauen kann. Zu viel Aufregung schadet nur, hat meine Mutter immer gesagt. Ich denke, ich habe für eine ganze Weile genug gehabt!«
Barney kehrte mit dem Teetablett zurück und setzte sich ihr gegenüber.
»Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert, Doris. Eine Frau in deinem Alter, die versucht, ganz allein zurechtzukommen, das ist nicht gut.«
»Pass auf, was du sagst!«, entgegnete Mrs. Pride.
»Was erzähle ich dir eigentlich seit was weiß ich wie vielen Jahren, Barney Crouch? Du mit deinem Haus da unten in der Halbwildnis, jeden Abend unterwegs auf dieser einsamen Landstraße! Wenn ich nicht mehr allein zurechtkomme – was ich damit noch lange nicht zugegeben haben will – dann gilt das ja wohl erst recht für dich! Oh, und ich möchte ein Stück Biskuitkuchen. In der Dose mit dem Bild von Windsor Castle auf dem Deckel.«
Barney ging die Dose holen.
»Ich weiß, was du sagen willst, Doris. Es ist nicht, dass dein Haus nicht sehr gemütlich wäre, aber ich … na ja, ich bin eben an meine Umgebung gewöhnt.«
»Da draußen lauern überall Mord und Totschlag!«, sagte sie mit Nachdruck.
»Niemand wird mich ermorden!«
»Woher willst du das wissen?«, entgegnete sie und verrückte leicht ihr bandagiertes Bein auf den Polstern.
»Und ich bin nicht mehr imstande, mit dem Fahrrad zu dir nach draußen zu kommen und mich um dich zu kümmern wie früher! Tatsache ist, ich bezweifle, dass ich jemals wieder kommen kann!«
»Doris!«
»Wie soll ich das denn machen, deiner Meinung nach? Mein Fahrrad ist Schrott! Außerdem bin ich nach diesem Sturz unsicher geworden! Ich glaube nicht, dass mir das Radfahren noch Spaß machen wird wie früher.«
»Ich vermute«, sagte Barney traurig,
»dass ich mein Haus wohl früher oder später aufgeben muss.«
»Je früher, desto besser. Bevor es über dir zusammenfällt.«
»Ich würde dich vermissen, Doris. Ich gestehe es. Ich wüsste überhaupt nicht, wie ich ohne deine Besuche zurechtkommen sollte.« Barney wirkte plötzlich sehr nervös, und der Deckel auf der Teekanne klapperte. Mrs. Price untersuchte angestrengt ihren Biskuit. Endlich brach Barney das Schweigen.
»Hör zu, ich werde mein Haus verkaufen. Damit hätten wir ein hübsches kleines Polster, und wir könnten hier zusammenziehen! Was sagst du dazu, Doris?«
»Ich werde auf meine alten Tage nicht damit anfangen, in Sünde zu leben, Barney Crouch! Dieser Unfall hat mir allzu bewusst gemacht, wie nah ich meinem Schöpfer bin!«, informierte ihn das Objekt seiner Aufmerksamkeit.
»Der Heilige Petrus hat schon genug über mich in seinem Buch stehen. Er muss nicht noch ein neues hinzuschreiben!«
»Also schön, dann heiraten wir eben. Das kommt mir in unserem Alter zwar ein bisschen blöde vor, aber wenn es das ist, was du möchtest – meinetwegen.«
»Das ist wirklich kein besonders romantischer Antrag!«, wies sie ihn zurecht.
»Wenn ich auf die Knie sinke«, sagte Barney fest,
»dann komme ich nicht wieder hoch, und du in deinem Zustand könntest mir nicht aufhelfen! Ich würde mich zutiefst geehrt fühlen, Doris, wenn du meinen Antrag annimmst.«
»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Mrs. Pride.
»Stell doch bitte derweilen den Kessel noch einmal auf den Herd, damit wir noch eine Tasse Tee trinken können.«